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Sorge dich nicht und geniesse das Leben!

Vor zehn Jahren startete in Grossbritannien die atheistische Bus-Kampagne, welche bald in vielen Ländern Nachahmer fand. Die Kampagne war eine Antwort auf vorangegangene evangelikale Kampagnen, die in Bussen Werbung für eine Website machten, auf der Nicht-Christen vor der ewigen Verdammnis und dem Höllenfeuer gewarnt wurden. Das Anliegen der atheistischen Antwort war, den Leuten die Angst zu nehmen und ein Zeichen zu setzen, dass man mit einer atheistischen Weltsicht nicht alleine sei.

Der Schlag ins Gesicht

Ich kannte die Kampagne und deren Hintergrund nicht, als ich eines Tages auf dem Weg zur Arbeit plötzlich diesen Spruch las:

Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Sorge dich nicht und geniesse das Leben!

Der Spruch erwischte mich auf dem linken Fuss. Offenbar waren gerade meine Schilde unten. Meine erste Reaktion war emotional und folgte nicht dem üblichen Verteidigungsmuster bei Angriffen auf meinen Glauben. Meine Gedanken schockierten mich: Ich wäre tatsächlich von einigen Sorgen und Ängsten befreit, wenn es keinen Gott gäbe! Welch ein Skandal! Dabei sollte es doch umgekehrt sein: Gerade weil es einen Gott gibt, sollte mein Leben frei und glücklich sein! Dieser Gedanke führte mich unweigerlich zur Frage, was für ein Gottesbild ich eigentlich hatte?

Himmel, Hölle und ein zorniger Gott

Nun, ich denke meine Gottesvorstellung entsprach einem weitverbreiteten christlichen Bild. Um die Geschichte mal kurz zusammenzufassen:

  1. Wir alle leben auf dieser Erde unsere kurze Zeit. Die Sünde trennt uns von Gott.
  2. Dann kommt der Tod und das Gericht für alle.
  3. Gott hat in seiner Liebe seinen Sohn Jesus Christus geschickt, der für unsere Sünden am Kreuz starb.
  4. Falls wir während unseres Lebens das Angebot von Jesus Christus angenommen und uns zu ihm bekehrt haben, werden unsere Sünden vergeben. Wir werden die Ewigkeit bei Gott im Himmel verbringen.
  5. Ansonsten landen wir in der Hölle wo ein ewig brennendes Feuer uns für unsere Sünden bestraft.

Das Bild eines zornigen Gottes, der die Menschen für ihre Sünden in der Hölle bestraft, hat sich tief ins christliche Bewusstsein eingefressen. Jonathan Edwards hat 1741 während der “Grossen Erweckung” diesen Zorn in seiner berühmt-berüchtigten Predigt “Sinners in the Hands of an Angry God” sehr anschaulich beschrieben:

Gott verabscheut euch und ist schrecklich erzürnt; sein Zorn gegen euch brennt wie Feuer; er betrachtet euch als Leute, die nichts anderes verdient haben als in den feurigen Pfuhl geworfen zu werden; seine Augen sind zu rein, als dass sie euren Anblick ertragen könnten; ihr seid in seinen Augen zehntausendmal scheußlicher als die garstigste Giftschlange in den unsrigen. […]

Wenn er deine unbeschreibliche Not und deine Qualen sieht, die weit über deine Kräfte gehen, wenn er sieht, wie deine Seele zermalmt wird und in unendlicher Dunkelheit versinkt, so wird er kein Mitleid mit dir haben; er wird von der Ausübung seines Zorns nicht ablassen noch den Druck seiner Hand im geringsten erleichtern; er kennt keine Mäßigung und keine Gnade. […]

Ihr werdet die Gewissheit bekommen, dass ihr euch durch lange Zeiten hindurch, ja während Millionen von Millionen von Zeitaltern in vergeblichem Ringen, im Kampf mit dieser erbarmungslosen Vergeltung fortwährend erschöpfen müsst. Wenn das vorüber ist, wenn ihr tatsächlich viele Zeitalter auf diese Weise verbracht habt, so werdet ihr erst erkennen, dass all das nur ein Augenblick war im Vergleich zu dem, was noch kommen wird. So wird also eure Strafe ohne Ende sein.

Jonathan Edwards, Sünder in den Händen eines zornigen Gottes, 1741

Die meisten Pastoren predigen heute nicht mehr so. Es ist kein guter Stil, auf Angst zu setzen. Doch inhaltlich würden nicht wenige Edwards zustimmen. Im Kern der weitverbreiteten Satisfaktionslehre steht ein Gott, der die unendliche Beleidigung durch die Menschen mit Strafe sühnt. Damit er uns nicht vernichten muss, springt Jesus ein und hält an unserer Stelle hin.

Aber ich bin doch bekehrt…

Warum sollte ich mir aber Sorgen machen? Ich war doch “bekehrt” und auf der sicheren Seite? Die erste Frage, die sich mir aufdrängte, war die nach der Motivation für meine Bekehrung. Hatte ich mich womöglich nur bekehrt, um auf Nummer sicher zu gehen? Also eigentlich aus Angst vor Gott und seinem Zorn? Wie viele Christen wären heute auch Christen, wenn sie wüssten, dass Gott am Ende allen verzeiht und nach diesem Leben eine bessere Zeit für alle anbräche? Und wie viele Christen fänden das irgendwie ungerecht, da sie ja schliesslich viel in “ihren Himmel” investiert haben und die anderen nicht?

Eine weitere Schwierigkeit mit Bekehrungen ist, dass man sich nie ganz sicher sein kann, ob man denn noch auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Die Sache hat ja durchaus Gewicht und es lohnt sich genau hinzuschauen. Es wäre äusserst schade, die Ewigkeit um Haaresbreite zu verpassen nur weil man etwas zu sorglos an die Sache herangegangen war, nicht? Es gibt viele Bibelstellen, die einem im Nacken sitzen und zur Vorsicht mahnen, z.B.:

Was nützt es, meine Geschwister, wenn jemand behauptet: »Ich glaube«, aber er hat keine ´entsprechenden` Taten vorzuweisen? Kann der Glaube ´als solcher` ihn retten?

Jakobus 2,14

Doch das enge Tor und der schmale Weg führen ins Leben, und nur wenige finden diesen Weg.

Matthäus 7,14

Nicht jeder, der zu mir sagt: ›Herr, Herr!‹, wird ins Himmelreich kommen, sondern nur der, der den Willen meines Vaters im Himmel tut. 

Matthäus 7,21

Ich weiss, wie du lebst und was du tust; ich weiss, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst! Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken.

Offenbarung 3, 15-16

Also auch für den “bekehrten” Christen lauern ständig Gefahren, vom rechten Weg abzukommen, zu lau zu werden, sich in falscher Sicherheit zu wiegen.

Angst vor Gott

Langsam wurde mir klar, warum ich so auf den atheistischen Spruch reagiert hatte. Obwohl ich mich Christ nannte, lag meinem Glauben eine Angst vor Gott zugrunde. Mein Gottesbild war das eines Gottes, der zu “allem fähig” ist, wenn man sich nicht gut stellt mit ihm. Und selbst dann musste man ständig aufpassen, nicht aus der Bahn zu geraten. Mir war klar, dass das nicht der Vater ist, den Jesus “Abba” nennt. Meine Furcht vor Gott hatte mich all die Jahre daran gehindert, ihn wirklich zu lieben (1. Joh. 4,18). Ich hatte einiges an Weg vor mir, mein Gottesbild zu revidieren. Jesus hat uns den Vater gezeigt. Der Vater ist wie Jesus und er war immer schon wie Jesus.

Hier geht die Geschichte weiter…

Ich fürchte mich nicht vor Gott. Früher schon, aber jetzt nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr vor Gott, weil ich Gott kennengelernt habe, wie er sich in Christus offenbart. Ich habe erkannt, dass Gottes einzige Gesinnung mir gegenüber eine bedingungslose, unerschütterliche Liebe ist.

Brian Zahnd, “Sinners in the Hands of a Loving God” (eigene Übersetzung)

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