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Fundamentalismus und die Autorität der Bibel

Christliche Fundamentalisten – das sind doch die, welche die Bibel immer wörtlich nehmen, oder? Die leben nach Regeln und Werten, die dreitausend Jahre alt sind. Sie lehnen Homosexualität ab und predigen die Hölle, für alle, die sich nicht bekehren. So zumindest die Vorurteile. Manch eine Diskussion endet dann sinngemäss mit der Aussage: “Also, wenn Fundamentalismus heisst, die Bibel ernstzunehmen, dann bin ich gerne ein Fundi.”

Doch was bedeutet es, die Bibel ernst zu nehmen? Geht es bei dieser Frage nur um das wörtliche Verständnis? Klar, konservative Christen lehnen die moderne Bibelwissenschaft mit ihren historischen Methoden weitgehend ab. Viele Texte, welche die modernen Bibelwissenschaften als nicht-historische Erzählungen interpretieren, wie z.B. die Schöpfungsgeschichte, die Sintflut, oder Jona im Bauch des Fisches werden von ihnen als Tatsachenberichte gelesen. Beide “Lager” nehmen für sich in Anspruch, die Bibel effektiv und richtig ernstzunehmen. Man sollte sich jedoch immer bewusst sein, dass alle Christen die Bibel interpretieren. Niemand nimmt jede Stelle “wörtlich”. Bereits bei der Übersetzung fliessen Interpretationen in den Text ein, die entscheidend sein können. Darum soll’s heute aber nicht gehen, sondern darum, ob Gott und die Bibel dieselbe Autorität besitzen oder nicht.

Die sechs Kennzeichen des Fundamentalismus

In den nächsten beiden Abschnitten orientiere ich mich am Buch “Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?” von Siegfried Zimmer. Worthaus 4.5.1 beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema.

Eine Klärung vorweg: Fundamentalismus ist ein emotional stark aufgeladenes Wort, bei welchem viele negative Konnotationen mitschwingen. Viele nutzen das Wort im Zusammenhang mit islamistischem Terrorismus und verzichten auf die notwendige Differenzierung, wenn von fundamentalistischem Christentum die Rede ist. Wenn ich das Wort in diesem Blog benutze, geht es mir lediglich um eine sachliche Unterscheidung zweier Arten von Bibelverständnis.

Ob ein Bibelverständnis als fundamentalistisch bezeichnet wird oder nicht, entscheidet sich an der Frage, wie die Beziehung zwischen Gott und der Bibel definiert wird. Wer möchte, darf die folgenden Aussagen gerne als kleinen Test nutzen und sich pro Aussage Punkte vergeben:

  • 0 Punkte: Ich stimme dem nicht zu.
  • 0.5 Punkte: Ich stimme dem teilweise zu.
  • 1 Punkt: Ich stimme dem vollumfänglich zu.

Die sechs Kennzeichen des protestantischen Fundamentalismus:

  1. Die Bibel ist verbalinspiriert. Gott hat die Schreiber der Bibel bis in die Wahl ihrer Worte hinein geleitet. Er hat die Worte ausgewählt und festgelegt. Der eigentliche Autor der Bibel ist Gott.
  2. Die Bibel ist Gottes Wort. Die Begriffe “Bibel” und “Gottes Wort” bedeuten das Gleiche. Sie sind austauschbar.
  3. Die Bibel ist Gottes entscheidende Offenbarung. D.h. die Bibel ist die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens.
  4. Die Bibel hat Anteil an Gottes absoluter Autorität. Ihre Autorität ist Gottes Autorität. Was die Bibel sagt, das sagt Gott. Deshalb ist jede Relativierung abzulehnen.
  5. In der Bibel gibt es keine Fehler und Widersprüche. Das gilt auch für alle geschichtlichen, geographischen, biologischen, medizinischen und astronomischen Aussagen. In der Bibel kann es keine Fehler geben, weil Gott keine Fehler macht. Gott ist vollkommen, also ist es sein Wort auch.
  6. In der biblischen Urgeschichte (Genesis 1-11) geht es um den geschichtlichen Anfang der Menschheit. Adam und Eva waren die ersten zwei Menschen. Alle anderen Menschen stammen von ihnen ab. Die moderne Evolutionstheorie steht im Widerspruch zur biblischen Urgeschichte. Darum kann sie von Christen nicht akzeptiert werden.

Vor zehn Jahren hätte ich hier locker 5 von 6 möglichen Punkten geholt. Heute würde ich mir nur noch 1 Punkt geben. Dieses Umdenken geschah nicht von heute auf morgen und war nicht immer einfach. Immer, wenn man neue Kleider anprobiert ist man zwischendurch nackt und verletzlich.

Ist es ein Ziel von mir auf 0 Punkte zu kommen? Gute Frage. Das hängt sicher auch damit zusammen, wie Schwarz-Weiss man obenstehende Aussagen betrachtet. Ich glaube, dass gewisse Teile der Bibel durchaus verbalinspiriert sind, z.B. wenn ein Prophet gehörte Worte niederschreibt, oder wenn Jesus das Vaterunser vorsagt und diese Worte originalgetreu wiedergegeben werden. Darum gebe ich mir da 0.5 Punkte. Auch glaube ich nicht an einen Kurzzeitkreationismus. Aber die Evolutionstheorie mit ihrer atheistischen Prämisse ganz zu akzeptieren, fällt mir schwer. Einige kritische Fragen zur kambrischen Explosion und dem Missing Link zwischen tierischem und menschlichem Geist hätte ich da schon noch. Ich bin überzeugt, dass man unserer Welt “Intelligent Design” ansieht.

Unterschiedliche Autoritätsstufen

Ein wesentlicher Unterschied zwischen fundamentalistischem und nicht-fundamentalistischem Bibelverständnis sind die unterschiedlichen Autoritätsstufen von Gott und der Bibel:

Autoritätsstufen im Bibelverständnis

Die irdischen geistlichen Autoritäten, wie z.B. dein Pfarrer, deine Mutter oder der Papst, können in beiden Modellen durch die Bibel und Gott relativiert werden. Im fundamentalistischen Verständnis stehen Gott und die Bibel allerdings auf derselben Stufe. Was in der Bibel geschrieben steht, hat dieselbe Autorität wie Gott. Diese Christen würden bestätigen, dass sie “an die Bibel glauben”. Im nicht- fundamentalistischen Verständnis steht die Bibel eine Stufe unterhalb von Gott. Dies bedeutet, dass die Bibel durch Gott und Jesus Christus relativiert werden kann, nicht aber durch irdische Autoritäten. Zu sagen man “glaube an die Bibel” ist dann eine unzulässige Erhöhung der Schrift zu einem “Götzen”.

Jesus Christus ist die zentrale Offenbarung Gottes, nicht die Bibel. Jesus zeigt uns, wie Gott ist! Wer ihn sieht, sieht den, der ihn gesandt hat: den Vater (Johannes 12,45, Johannes 14,8-10). An anderer Stelle wird Jesus noch deutlicher: “Ich und der Vater sind eins.” (Johannes 10,30). Deshalb müssen wir Jesus Christus als Massstab der Schrift verstehen. Nicht alle Stellen in der Bibel erreichen das geistliche Niveau und die Ethik von Jesus. Bei der Bildung des Bibelkanons wurden viele Schriften aussortiert, da sie gewissen Anforderungen nicht genügten. Dafür gab und gibt es kein “heiliges Wasserzeichen” als Siegel für die Echtheit von Gott-inspirierten Schriften. Stattdessen mussten verschiedene Kriterien wie z.B. das Alter, die Geschichtlichkeit, die Übereinstimmung mit dem AT, die Nähe zu den Aposteln oder die “Erbaulichkeit” gegeneinander abgewogen werden. Ein wichtiger Faktor war auch der Gebrauch und die Verbreitung eines Buches in den Gemeinden. Auch Abgrenzungen gegen Irrlehren wie z.B. die Gnosis spielten eine grosse Rolle. Im Westen war die Kanonisierung erst Ende des 3. Jahrhunderts abgeschlossen. Der Hebräerbrief war sogar im 4. Jahrhundert noch umstritten. Auch heute enthalten die katholische und die protestantische Bibel nicht dieselben Bücher. Die deuterokanonischen Bücher (Apokryphen) wurden 1546 in die katholische Bibel aufgenommen. Gemäss Luther sind sie “der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen”. Die schwarz-weisse Trennung zwischen inspiriertem Wort Gottes und verbotener Schrift greift vielerorts zu kurz. Es braucht Mut zu Graustufen.

Jesus Christus treu zu sein ist wichtiger, als der Bibel treu zu sein. […] Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.

Siegfried Zimmer

Der Gott des AT und des NT

Viele Christen haben Mühe, die unterschiedlichen Gesichter Gottes im AT und NT zusammenzubringen. Das ist keineswegs einfach ein neuzeitliches Phänomen einer verweichlichten Gesellschaft, die Krieg nicht mehr gewohnt ist. Bereits im 2. Jahrhundert postulierte Marcion die Existenz von zwei Göttern: einem “bösen” Gott des AT und einem Gott der Liebe im NT. Er plädierte deshalb dafür, im Christentum alle Verbindungen zum AT zu kappen.

Wenn alle Schrift eins zu eins von Gott diktiert wurde, wird es schwierig darauf eine überzeugende Antwort zu geben. Dies gelingt erst, wenn das jeweilige Gottesbild der Autoren gebührend berücksichtigt wird. Viele Bibelstellen widerspiegeln die Prägung ihres Autors. Konkrete Beispiele:

Wenn wir die Bergpredigt und das Gebot der Feindesliebe lesen, wohl eher nicht. Gerade zu der Stelle mit Elia und dem Feuer vom Himmel äusserte sich Jesus sogar direkt. In Lukas 9,54-56 wird berichtet, wie er seine Jünger zurechtweist, weil sie es wie Elia machen wollen:

Als aber seine Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, willst du, dass wir sprechen, dass Feuer vom Himmel herabfallen und sie verzehren soll, wie es auch Elia getan hat? Er aber wandte sich um und ermahnte sie ernstlich und sprach: Wisst ihr nicht, welches Geistes [Kinder] ihr seid? Denn der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um die Seelen der Menschen zu verderben, sondern zu erretten!

Lukas 9,54-56

Die Männer im alten Testament handelten entsprechend den Bräuchen ihrer Zeit, ihrem damaligen Verständnis von Gott und z.T. auch eigenmächtig. Daraus kann man aber nicht schliessen, dass Gott dies gefällig war oder dass er das sogar befohlen hatte. Seit Jesus kennen wir den Vater besser. Oder wie Martin Benz formuliert: “Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles in der Bibel ist Ansicht Gottes.”

Dann können wir nicht mehr alle Geschehnisse, die in biblischen Texten auf Gott zurückgeführt werden, auf Gott zurückführen. Was wir auf Gott zurückführen können und müssen, entscheidet sich an dem, wie Gott sich in Jesus offenbart hat.

Siegfried Zimmer

Auch bei den Autoren der Bibel hat sich das Bild Gottes über die Jahrhunderte gewandelt. Dinge, die man früher Gott zugeschrieben hat, können später im Extremfall gar dem Satan angehängt werden. Ein Beispiel hierzu ist die Volkszählung Davids. In 1. Samuel 24,1 wird sie Gott zugeschrieben. In 1. Chronik 21,1 allerdings steht, dass Satan David dazu gereizt habe. Zwischen der Niederschrift dieser beiden Stellen liegt das babylonische Exil. Dort kam Israel vermutlich mit der Religion von Zarathustra in Berührung, welche vom dualistischen Kampf zwischen Gut und Böse geprägt war. Offenbar kamen die Autoren der späteren Schrift (1. Chronik) zur Erkenntnis, dass diese eitle und von Kriegsgedanken motivierte Aktion nicht von Gott kommen konnte. Ihr Gottesbild hatte sich weiterentwickelt.

Das Gleiche kann uns auch heute passieren: Wir haben ein Bild von Gott und interpretieren Ereignisse passend dazu. Doch dann leben wir mit Gott, wir lernen ihn besser kennen und unser Bild verändert sich. Gerade weil Gott sich nicht primär in “totem Buchstaben” sondern durch seinen Geist in uns offenbart. Gott sei Dank!

Eine Beziehung

Sich an Jesus Christus als der zentralen Offenbarung Gottes zu orientieren befreit. Jesus ist die grosse Sonne, die alles durchleuchtet. Was ihrem Licht nicht standhält, vergeht. Gott hat uns nicht ein fix fertiges Buch vom Himmel geworfen, sondern eine Liebeserklärung in Form seines Sohnes geschickt. Jesus hat seine Lehren und Gleichnisse nicht aufgeschrieben. Auch hat er seinen Jüngern keinen Verschriftlichungsauftrag erteilt. Dies geschah erst Jahrzehnte danach, als Hoffnungen auf eine Naherwartung der Wiederkunft Jesu verschwanden. Gott sei Dank gibt es diese Schriften. Denn die Aufzeichnungen der grossen Glaubensvorbilder weisen uns seit Jahrhunderten den Weg zu Gott. Und selbstverständlich spricht Gott immer wieder neu durch die Bibel zu Menschen. Aber wir sollten nicht den Wegweiser mit dem Ziel verwechseln.

Darin stimmen alle rechtschaffenen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben. Auch ist das der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht.

Martin Luther in der „Vorrede auf die Epistel Sankt Jakobi und Judas“ (1546)

Wenn nun die Gegner die Schrift gegen Christus treiben, dann treiben wir Christus gegen die Schrift…. Denn wenn wir Christus festhalten, machen wir leicht Gesetze und beurteilen alles richtig. Wir können sogar neue Dekaloge aufstellen, wie es Paulus in allen seinen Briefen macht und Petrus ebenso, vor allem aber Christus im Evangelium. Und diese Dekaloge sind vortrefflicher als der Dekalog des Mose, wie auch das Antlitz Christi strahlender leuchtet als das Angesicht des Mose.

Martin Luther, Disputation „De fide“ (1535)

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