Oh mein Gott, Kinder!

Oh mein Gott, Kinder!

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Die Religionspädagogik befasst sich mit der Frage, wie man Kindern etwas über Gott beibringen soll. Das ist natürlich wichtig. Doch hat uns Jesus nicht auch geboten uns an Kindern ein Beispiel zu nehmen? In diesem Blog möchte ich für einmal den Spiess umdrehen und fragen: „Was lernen Eltern durch ihre Kinder über Gott?“

Staunen und Vertrauen

Staunen über die Welt führt zum Lob Gottes und öffnet die Tür zum Glauben. „Das Lob befreit den Menschen aus dem Kreisen um das eigene Ich“ (Odo Lang).

Die Entstehung eines Kindes im Mutterleib gehört zu den grössten Wundern unserer Welt. Ein Mensch besteht aus ungefähr 100 Billionen Zellen, das ist eine Eins mit 14 Nullen. Aus einer ersten Zelle, die sich teilt und teilt und teilt entsteht schliesslich ein menschliches Wesen. Der Gencode ansich ist bereits ein riesiges Wunder. Wie sich dann aber alle Zellen nach einem unsichtbaren Plan organisieren, jede ihre Aufgabe findet und am richtigen Platz angelangt – einfach unglaublich! Man könnte die besten Wissenschaftler der Welt mit allen erfundenen Apparaten jahrelang einsperren. Sie würden es dennoch nicht schaffen einen einzelnen Grashalm herzustellen.

Du bist es ja auch, der meinen Körper und meine Seele erschaffen hat, kunstvoll hast du mich gebildet im Leib meiner Mutter. Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!

Psalm 139, 13-14

Das Kind entsteht im Körper der Mutter und bei der Geburt hat sie eine aktive Rolle. Dennoch bleiben wir bei der Entstehung eines neuen Lebens selbst als Eltern weitgehend blosse Zuschauer. Wir hoffen, wir freuen uns, wir fiebern, machen Tests und warten Ergebnisse ab. Uns sind die Hände gebunden, wir sorgen uns und beten. Alles liegt in Gottes Händen. Wir müssen vertrauen. Und schon haben wir etwas gelernt.

Den himmlischen Vater besser verstehen

In der Bibel wird für Gott vielfach das Bild des Vaters und auch das der Mutter verwendet:

Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Jesaja 66,12-13

Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Lukas 15, 20

Sobald man selbst Kinder hat, gewinnen diese Bilder an Leben und Tiefe. Plötzlich nimmt man auch die Sicht des Vaters ein und kann mitfühlen. Man versteht, dass Gott in seiner Liebe gar nicht anders kann als den Sohn in seine Arme zu schliessen.

Wir werden von Paulus sogar mit Kleinkindern verglichen, denen man noch keine feste Nahrung geben darf (1, Korinther 3,2). Die Symbolik des Wachstums ist überall präsent: Unser Verständnis der göttlichen Dinge wächst, Das Reich Gottes wird mit einem Senfkorn verglichen, das Wort wird ausgesät und fällt auf einen Acker. Kinder sind der Inbegriff für Wachstum und Entwicklung. Dass Gott uns als seine Kinder bezeichnet, gibt Grund zur Hoffnung, dass wir eines Tages tatsächlich zu Geschwistern Jesu heranwachsen können. Denn Jesus „soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein.“ (Römer 8, 29).

Werdet wie die Kinder!

Als Jesus das sah, war er ungehalten. »Lasst die Kinder zu mir kommen!«, sagte er zu seinen Jüngern. „Hindert sie nicht daran! Denn gerade für solche wie sie ist das Reich Gottes. Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen.“

Markus 10, 14-15

Hier fordert uns Jesus dazu auf, uns an den Kindern ein Beispiel zu nehmen. Wir sollen werden wie sie, sonst bleibt uns das Reich Gottes verschlossen. Wieso sagt er das? Kinder sind keine besseren Menschen. Aber sie unterscheiden sich in einigen Dingen von Erwachsenen:

  • Sie vertrauen ihren Eltern bedingungslos
  • Sie sind abhängig von ihren Eltern
  • Sie sind „schwach“ und brauchen Schutz
  • Sie brauchen die Zuwendung ihrer Eltern
  • Sie sind offen für Neues
  • Sie staunen über alles
  • Sie können die Welt (und Gott) nicht erklären
  • Sie leben im Jetzt

Wir sollen Gott vertrauen und uns nicht auf unsere eigene Stärke verlassen. Wir sollen uns nicht um den nächsten Tag sorgen. Er ist in den Schwachen mächtig. Er ist unser Schutz und streitet für uns. Gott ist ein Mysterium, über das wir täglich staunen dürfen. Wir können ihn nicht „in der Tasche“ haben. Gott möchte uns in der Gegenwart begegnen. All das können wir lernen, wenn wir Kinder betrachten!

Das Ende der Selbstzentriertheit

Mit der Geburt des ersten Kindes leuchtet in unserem persönlichen Universum eine grosse helle Sonne auf, um welche die nächsten 15 Jahre alles kreisen wird. (Bei Geschwistersternen verlängert sich die Zeit entsprechend.) Man selbst und die eigenen Bedürfnisse stehen ab sofort nicht mehr im Zentrum. Auf den Plätzen 1-7 stehen die Bedürfnisse des Kindes. Man entdeckt plötzlich, wie entspannend bereits alleine einkaufen oder auch ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag im Büro sein kann. Der Zusammenhang zwischen Ferien und Erholung wird unklar und verschwimmt in der Erinnerung. Bei Pausengesprächen über den Ausgang am Wochenende kann man nicht mehr mitreden und ertappt sich dabei, wie man plötzlich leise Kinderlieder summt.

Vieles, was wir als wichtig für unser Leben bezeichnen, wie die Beziehung zum Vater/der Mutter des Kindes, unsere Arbeit, unsere Hobbies, unsere Freunde, Reisen, Unterhaltung oder auch unser Schlafrhythmus, muss sich neu definieren und kämpft um die übriggebliebenen Zeitschnipsel in unserem Alltag. Das eigene Ego wird entthront. Das wiederum hat eine enorme geistliche Wichtigkeit! Auch Jesus mahnt uns, dass wir „unser“ Leben verlieren müssen, wenn wir es gewinnen wollen (Lukas 17,33). Was ist „unser“ Leben? Ich glaube, damit ist das Leben nach dem Masstab dieser Welt gemeint: Ansehen, Wohlstand, Spass, Selbstverwirklichung. Der Himmel tickt anders. Wir müssen sterben, um zu leben. Kinder tragen massiv dazu bei, unsere Ich-Zentriertheit zu beenden und unsere Lebensprioritäten zu hinterfragen. Damit helfen sie uns ganz nebenbei zu „sterben“ und Platz für himmlisches Leben zu schaffen.

Selbsterkenntnis

In den Kindern erlebt man sein eigenes Leben noch einmal, und erst jetzt versteht man es ganz.

Sören Kierkegaard

Kinder sind nicht nur optisch kleine Versionen der Eltern. Oft erkennt man sich in seinen Kindern wieder, weil sie eigene Verhaltensweisen, Vorlieben oder Sprüche übernehmen. Nature und Nurture gehen Hand in Hand und stellen uns kleine Spiegel gegenüber. Aber Kinder spiegeln uns nicht nur, sie bringen auch unsere unangenehmen Seiten zum Vorschein. Sie sind eigentliche Katalysatoren für in uns angelegte Reaktionen. Übermüdung und Stress bilden den passenden Zunder, der sich durch kleine Funken entzünden lässt. Kaum jemand kann mich so gezielt und schnell auf die Palme bringen wie meine Kinder. Das überrascht mich immer wieder. Gerade bei Teenies kann das dann auch sehr persönlich werden und ans Eingemachte gehen.

Thomas Keating vergleicht in „Invitation to Love“ Gott mit einem Psychotherapeuten. Der Therapeut nutzt negative Emotionen dazu, unsere falschen inneren Programme zum Glücklichwerden aufzudecken. Wie wir durch einen Vulkanausbruch merken, dass da unter der Erde etwas brodelt, weisen Gefühlsausbrüche auf Spannungen im Unbewussten hin. Wir versuchen unsere Bedüfnisse wie Sicherheit, Kontrolle, Anerkennung und Spass selbst zu befriedigend, statt dies in der Beziehung zu Gott zu tun. Wenn etwas diese Programme stört, reagieren wir mit Gereiztheit, Wut, Verletzung, Traurigkeit, etc. Was mich persönlich besonders nervt, ist wenn ich Dinge zum zehnten Mal wiederhole und drei Sekunden später sind sie wieder vergessen. Würde dies ein Mitarbeiter im Büro tun, wäre es ein klares Zeichen für fehlenden Respekt mir gegenüber, komplettes Desinteresse oder eine ernste geistige Krankheit. Wir alle wissen, dass Kinder anders funktionieren. Dennoch hat mich die Situation so im Griff, dass ich nicht cool bleiben kann. Wer diesen Emotionen auf den Grund geht und die Ursachen entdeckt, hat eine Chance auch spirituell zu wachsen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Gott und meine Kids heimlich unter einer Decke stecken. Sie assistieren dabei dem grossen Therapeuten.

Willst du Gott erkennen, so lerne dich vorher selbst kennen.

Evagrius Ponticus

Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke. Unsre Schüler bilden uns, unsre Werke bauen uns auf. […] Wie werden wir von Kindern, wie von Tieren erzogen. Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit.

Martin Buber, „Ich und Du“

Ein Übungsfeld für die Liebe

Wenn wir glauben, dass Gott in uns lebt, so lebt er auch in unseren Mitmenschen. Wir alle tragen den göttlichen Funken in uns und sind nach seinem Bild gemacht. Ich glaube auch, dass wir alle Kinder Gottes sind. Einige wissen das einfach noch nicht. Das bedeutet, dass wir Gott in unseren Mitmenschen ganz konkret lieben können. Jesus stellt klar, dass das Gebot der Nächstenliebe dem der Liebe zu Gott gleich kommt (Matth. 22, 37-40). Wenn wir unsere Nächsten lieben, lieben wir auch Gott in ihnen (Matth. 25,40). Dies gilt insbesondere für unsere Kinder:

Er nahm ein Kind, stellte es in ihre Mitte, schloss es in seine Arme und sagte: „Wer solch ein Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“

Markus 9, 36-37

Unsere Kinder sind eine Möglichkeit, Gott ganz konkret zu lieben. Das bedeutet nicht, dass es immer einfach ist und eitel Sonnenschein herrscht. Gerade in schwierigen Zeiten muss sich Liebe bewähren. Auch ist dies keineswegs eine Einbahnstrasse. Unsere Kinder bringen uns tiefe Liebe entgegen, was für uns selbst heilsam ist. Gott näher zu kommen, bedeutet durchlässiger für seine Liebe zu werden, sodass sie durch uns in die Welt fliessen kann. Kinder sind ein hervorragendes Übungsfeld dafür.

Loslassen und Leere

Ein Kind betritt deine Wohnung und macht in den folgenden zwanzig Jahren so viel Lärm, dass du denkst, du wirst verrückt. Dann geht das Kind weg und lässt das Haus so stumm zurück, dass du denkst, du wirst verrückt.

John Andrew Holmes

Das Leben jedes Menschen führt unweigerlich zur Leere hin. Dies erleben wir konkret mit unseren Kindern, jedesmal wenn sie etwas Autonomie erlernen: Der erste Schritt, alleine draussen spielen, auswärts übernachten, die Kita, der Kindergartenweg, die Schule, das erste Lager, die Pubertät, der Abschluss der Ausbildung und schliesslich der Auszug. Auch die Freunde der Kinder kommen nicht mehr vorbei. Kein Lachen, kein Weinen mehr. Plötzlich erdrückende Ruhe. Bei jedem Schritt mischt sich elterlicher Stolz mit dem Schmerz eines Abschieds. Wir haben eigene Pläne und Wünsche für unsere Kinder zurückgestellt und jetzt verlassen sie den Brennpunkt unseres Lebens. Das lässt Leere zurück.

Wir können an dieser Leere leiden, daran verzweifeln oder sie mit neuen Aktivitäten überdecken. Wir können sie aber auch nutzen um uns neu von Gott füllen zu lassen. Der Weg des kontemplativen Gebets führt täglich für eine kurze Zeit über das bewusste Loslassen unseres Ichs hinein in die Leere vor Gott. Dort füllt er uns neu mit seiner Gegenwart. Das Leben unserer Kinder vollzieht dieselbe Bewegung mit uns in einem viel grösseren Zeitrahmen. Begrüssen wir die entstandene Leere und nutzen die Stille als einzigartige Möglichkeit, uns neu auf Gott hin auszurichten. Denn die Stille ist die Muttersprache Gottes.

Ein Blick in die Zukunft

Khalil Gibran hat ein wunderschönes Gedicht über Kindern geschrieben. Das ganze Gedicht ist am Ende diese Blogs angehängt. Darin heisst es:

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Khalil Gibran

Wir kommen als fliegende Pfeile in diese Welt. Dann sind wir selbst der Bogen. So Gott will, dürfen wir erleben, wie unsere Kinder wiederum zu Bögen werden. Durch unsere Kinder erhaschen wir einen kleinen Blick in die Zukunft.

Wir leben heute in der (Post-)Moderne, die sich durch einen beschleunigten Wandel der Gesellschaft auszeichnet. Früher waren die Alten angesehen, da sie viel über das Leben wussten. Heute ist einiges ihrer Erfahrung obsolet geworden. Die Welt hat sich zu schnell weiter gedreht. Die Gesellschaft mit ihren Normen ist eine komplett andere geworden. Eine technologische Erfindung jagt die nächste. Während einer Lebensdauer wird mehrmals alles erschüttert und auf den Kopf gestellt. Unsere Kinder „haben ihre eigenen Gedanken“ und das Leben „verweilt nicht im Gestern.“ Was auch immer der tiefe Sinn dieser Welt und ihres Laufs sein mag: Der Schütze sieht das Ziel und wird es nicht verfehlen. Durch unsere Kinder dürfen wir für eine kurze Weile einen privilegierten Blick auf dieses Schauspiel werfen.

Ein grosser Segen

Auch Kinder sind ein Geschenk des Herrn; wer sie empfängt, wird damit reich belohnt.

Psalm 127,3

Schon bald werde ich wieder bis zum Hals im Alltag stecken und meine Kids werden mich nerven. Wenn dann jemand zu mir sagt: „Bruder, willst Du nicht frohlocken, weil sie Dich an Deine Grenzen bringen?“ so ist das ziemlich das Letzte, dass ich dann hören möchte.

Doch es wird auch wieder eine ruhige Minute kommen in der ich einen Schritt zurücktreten kann, um das gesamte Bild zu betrachten. Dann erinnere ich mich gerne daran, wie Kinder uns zum Staunen bringen, uns Vertrauen lehren, uns den Vater zeigen, unser Ego entthronen und uns liebend den Spiegel vorhalten. Obwohl wir es sind, die sie an die Hand nehmen, führen sie uns doch unmerklich hin zu Gott.

Oh mein Gott, Kinder! Sie sind wirklich ein Segen! Vielen Dank dafür!


Eure Kinder sind nicht eure Kinder, Khalil Gibran

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