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Christen und Verschwörungsglaube

Verschwörungsmythen haben in Zeiten grosser Krisen Hochkonjunktur. In einer zunehmend komplexen Welt suchen Menschen einfache Erklärungen für negative Ereignisse. Das betrifft nicht nur einige wenige verschrobene Individuen, sondern breite Teile der Bevölkerung. Gemäss der “Mitte-Studie” der Friedrich-Ebert Stiftung von April 2019 (also noch vor Corona) vertraut jede zweite Person in Deutschland ihren Gefühlen mehr als Experten. Besorgniserregende 46 % glauben an “geheime Organisationen”, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Etwa ein Viertel der Bevölkerung glaubt auch, dass Medien und Politik unter einer Decke stecken. Personen, die an Verschwörungsmythen glauben, zeigen zudem eine höhere Gewaltbereitschaft.

Was mich in diesem Blog besonders interessiert, ist die Frage wie sich der christliche Glaube auf die Verschwörungsgläubigkeit von Menschen auswirkt. Sind Verschwörungsmythen eine Art Ersatzreligion, welche spirituelle Menschen nicht nötig haben? Oder sind gläubige Menschen generell leichtgläubiger und fallen deshalb eher auf Verschwörungsmythen herein?

Drei Denkfehler

Das Dossier “Verschwörungstheorien – Warum sind sie so erfolgreich und was kann man tun?” der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg gibt einen guten Überblick über die wichtigsten Verschwörungsmythen, wie es dazu kommt und wie man sich gegenüber radikalen Vertretern verhalten kann. Faktoren, die Verschwörungsglauben begünstigen, sind:

  • Die Persönlichkeit. Verschwörungsmentalität wird von Psychologen als stabiles Persönlichkeitsmerkmal gewertet.
  • Misstrauen gegen (über)staatliche Organisationen
  • Das Gefühl zu den Verlierern zu gehören. Das Entdecken einer geheimen “Wahrheit” erzeugt Selbstwert, da man fortan zu den wenigen Eingeweihten gehört.
  • Ein Vakuum durch fehlende oder ungesunde Spiritualität
  • Zunehmende Komplexität der Welt
  • fehlende Fähigkeit zu kritischer Analyse
  • der Anspruch, alles verstehen zu müssen

Nur von untergeordneter Bedeutung sind der Bildungsstand, die Arbeitstätigkeit oder das Geschlecht.

In seinem neuen Buch “Verschwörungsmythen” analysiert Dr. Michael Blume die philosophischen und psychologischen Hintergründe von Verschwörungsmythen. Er spricht bewusst von Verschwörungsmythen statt -theorien. Theorien implizieren eine wissenschaftliche Falsifizierbarkeit. Mythen werden hingegen aufgrund der Verbreitung und gefühlter Plausibilität geglaubt. Beim Lesen seines Buches sind mir einige Dinge klar geworden, die auch Licht auf die Frage nach der Beziehung zwischen christlichem Glauben und Verschwörungsglauben werfen.

Fehler #1: Mehr Denken hilft

Blume räumt mit dem Vorurteil auf, dass mehr Denken eine Wunderwaffe gegen Verschwörungsmythen sei. Bis zurück zu Platon und seinem Höhlengleichnis verfolgt er die Spur des Dualismus, welcher in die Falle der vereinfachenden Erklärungen und schwarz-weissen Denkmuster führt. Am Beispiel von Martin Heidegger und dem Nazi-Regime zeigt er auf, wie selbst die klügsten Köpfe verführbar sind. 41 Prozent der SS-Offiziere hatten eine Universitätsausbildung absolviert. Der Bevölkerungsschnitt lag lediglich bei zwei Prozent (S. 44). Intelligente Menschen sind zudem kreativer beim Überlisten von inneren kognitiven Dissonanzen. Mechanismen wie die Schuldumkehr erlauben es, das eigene Gewissen zum Schweigen zu bringen:

  1. Ich bin ein guter Mensch.
  2. Ich (oder Dritte) tun dem Anderen etwas Böses an.
  3. Also muss er ein schlechter Mensch sein, der das verdient.

Auch das Judentum und das Christentum wurden von dualistischer Philosophie beeinflusst. Blume folgt hier den Überlegungen von Rabbi Jonathan Sacks, Autor von “Not in God’s Name”. Problematisch ist vor allem der sogenannte pathologische Dualismus: “Religiöse (und auch säkulare!) Radikale würden das Böse zunehmend als eigenständige, Gott entgegengesetzte Macht wahrnehmen – und entsprechende Verschwörungstheorien auf Menschengruppen (wie Juden, US-Amerikaner, Muslime, Illuminaten o.ä.) projizieren.

Blume zieht deshalb ein ernüchterndes Fazit:

Die tatsächliche, bittere Wahrheit ist, das weder “Selberdenken” noch Technologie, formale Bildung oder sublime Hochkultur vor dem Bösen schützen, in dem wir uns selbst verlieren können.

Verschwörungsmythen, S. 64

Hat sich damit die grösste Versuchung der Menschheit – “Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.” (Genesis 3,5) – als Lüge entpuppt?

Fehler #2: Mehr Information hilft

Noch nie hatten Menschen so viel Information zur Verfügung wie heute. Nicht nur wissen wir heute viel mehr als früher, das Internet stellt es uns auch denkbar einfach jederzeit zur Verfügung. Die Grundlagen für kritische Analysen wären also gegeben.

Leider funktionieren das Internet und die sozialen Medien anders. Wie bereits in meinem Blog zur digitalen Zerstreuung beleuchtet, verbreiten sich in sozialen Medien nicht ausgewogene, nüchterne und differenzierte Analysen. Im Gegenteil: Extreme Inhalte, die polarisieren und Konflikte verursachen, führen zu einem sehr hohen Engagement bei den Lesern. Das Engagement wird wiederum von den Algorithmen, die unsere Timelines füllen, als entscheidendes Relevanzkriterium herangezogen. Der Wahrheitsgehalt eines Artikels ist zweitrangig, was die Verbreitung von “Fake News” befeuert. Zudem haben wir eine ausgeprägte Aufmerksamkeits-Präferenz für Gefahren: “Es ist sehr viel günstiger, 20-mal einen Busch für einen Bären zu halten als ein einziges Mal einen Bären für einen Busch. Doch in Kombination mit der Geschwindigkeit digitaler Medien kann diese Präferenz zu einem Strom von Gefahrenmeldungen und -bildern führen.” (S.47)

Zeit und Raum für offene Diskussionen ist gemäss Blume Gift für Verschwörungsglaube. Das wusste bereits Hitler, der sich vor dem “Gerede” fürchtete und deshalb die Massen ständig in Erregung hielt. Doch das Internet macht die Welt zu einem globalen Dorf, in dem nur die lautesten Meinungen gehört werden. Wegen der permanenten Überflutung mit Informationen und Gefahrenmeldungen fehlt die Zeit zur Verarbeitung und letztlich für gesunde Zweifel.

Fehler #3: Glaube immunisiert

Verschwörungsmythen versuchen uns eine komplexe Welt einfach zu erklären. Früher hat diese Rolle meist die Religion übernommen. Kann man Verschwörungsmythen also quasi als “Ersatz-Religion” für eine säkularisierte Gesellschaft bezeichnen? Wer einen lebendigen Glauben hat, bräuchte demnach kein Surrogat und ist immun gegen Verschwörungsmythen?

Ganz so einfach ist es leider nicht:

Weiterhin scheinen auch religiöse Menschen oder Personen mit einem Hang zu Esoterik und Spiritualismus einen größeren Hang hin zu Verschwörungstheorien aufzuweisen.

https://www.lpb-bw.de/verschwoerungstheorien

Diese Erfahrung mache ich auch im eigenen Umfeld. Und genau hier wird es spannend! Glaube kann offenbar beides: Immunisieren gegen Verschwörungsmythen, aber auch anfälliger dafür machen. Was genau unterscheidet gesunde von kranker Spiritualität?

Christlicher Dualismus

Dualismus ist die einzigartig effektivste Lehre, um gute Menschen zu überzeugen, böse Dinge zu tun.

Rabbi Jonathan Sacks

Vor allem evangelikale Christen haben ein ausgeprägt dualistisches Weltbild: Gut/Böse, Gott/Satan, Himmel/Hölle, Gläubige/Ungläubige, Gerettete/Verdammte. Der Satan wird als realer “Gegengott” mit grosser Macht verstanden. Er “herrscht über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde” (Epheser 2,2) und wird gar als Herrscher/Fürst dieser Welt bezeichnet (Johannes 12,31). Das erinnert an Frank E. Perettis Romane (z.B. “Die Finsternis dieser Welt”) oder auch die “Dienstanweisungen an einen Unterteufel” von C.S. Lewis. Diese Bücher nehmen uns mit auf eine Reise hinter die Bühne dieser Welt und erzählen die Geschichte aus dem Blickwinkel von Dämonen, die hinter jeder Ecke lauern und grossen Einfluss nehmen können.

Hinter den meisten Verschwörungmythen stecken geheime Organisationen oder mächtige Personen. Für verschwörungsgläubige Christen sind das oftmals nur Marionetten in einer noch grösseren Verschwörung, hinter der letztlich der Teufel steckt. Das führt zu einem gefährlichen Cocktail von Überzeugungen:

  1. Das Böse ist übermächtig, es regiert die Welt.
  2. Das Böse ist omnipräsent.
  3. Das Böse hält sich versteckt, denn würde sein Handeln ans Licht kommen wäre es vorbei.
  4. Die Zeit drängt. Wir sind in der Endzeit.

Unter diesen Voraussetzungen ist es geradezu logisch, alles, was nicht simpel erklärt werden kann, auf das Böse und sein Wirken zurückzuführen. Es gibt keine Zufälle, nichts ist belanglos. Weil die Zeit drängt, muss jetzt gehandelt werden, bloss keine Zeit mit “Gerede” vergeuden. Ein perfektes Rezept für Verschwörungsgläubigkeit!

Die Kraft solcher Überzeugungen kann durch eine Reihe von Relativierungen gebrochen werden:

  • Die Mächtigkeit des Satans wird relativiert. Gott gibt ihm kontrollierte Freiräume (z.B. bei Hiob, den Versuchungen Jesu, Judas oder am Ende des Tausendjährigen Reiches), bleibt aber souveräner Herrscher dieser Welt.
  • Hat Jesus die Macht Satans gebrochen (Lukas 10, 18-19)?
  • Das Böse wird entpersonalisiert. D.h. das Böse ist Teil der Menschen und der Welt, existiert aber nicht als eigenständiges Wesen.
  • Monismus: Es gibt keinen Dualismus zwischen einem guten Gott und einem bösen Gegenspieler. Alles ist in Gott enthalten, er schafft auch die Finsternis (Jesaja 45, 6-7).
  • Leben wir wirklich in der Endzeit? Alle bisherigen Weltuntergangsprophezeiungen und Antichristen haben sich als falsch erwiesen.
  • Könnte es nebst gut und böse noch eine weitere Kategorie geben?
  • Die Anforderung aufgeben, dass wir alles vollständig verstehen müssen.

Für Blume ist entscheidend, ob jemand an eine böse oder eine gute Macht glaubt:

Anhänger der Weltreligionen versuchen, ihre Identität über das Vertrauen in gute Mächte und Wesen zu definieren. Verschwörungsgläubige aber versuchen, ihre Identität im Kampf gegen eine vermeintlich die Welt beherrschende, böse Superverschwörung zu sichern.

Michael Blume, Verschwörungsglauben als religiöse Herausforderung

Wenn Gläubige also die Angst vor einem bösen Herrscher dieser Welt in den Vordergrund stellen und nicht mehr auf das gute Lenken Gottes vertrauen, wird der Glaube zu einem Einfallstor für Verschwörungsmythen. Aber machen wir uns nichts vor: Verschwörungsmythen sind ein Werkzeug des Bösen, egal ob wir an einen Teufel glauben oder das psychologisierte Böse im Menschen verorten.

Die Juden als Leidtragende

In Römer 11 diskutiert Paulus das Verhältnis zwischen Christen und Juden. Gott hat sein auserwähltes Volk nicht etwa verworfen, sondern die Heiden wurden wie wilde Zweige in den Ölbaum Gottes eingepflanzt. Es steht Christen nicht zu, verächtlich auf die anderen Zweige (die Juden) hinabzuschauen.

Gerade für Christen ist es deshalb essenziell zu erkennen, dass viele Verschwörungsmythen offen oder versteckt judenfeindlich sind! Es ist die Rede vom “Weltjudentum”, den Rothschilds, der zionistischen Lobby, welche an den Schalthebeln der Macht sitzen sollen. Das “Finanzjudentum” sei für die Auswüchse des Kapitalismus verantwortlich. In den nachweislich gefälschten “Protokollen der Weisen von Zion” könne schliesslich jeder den geheimen Plan zur Weltherrschaft nachlesen. Radikale Islamisten und Rechtsextreme greifen dieses Gedankengut nur zu gerne auf. Selbst Hitler wähnte sich auf der guten Seite, indem er gegen die Juden kämpfte: “So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herren. (Mein Kampf).

Das Christentum ist daran nicht unschuldig: Es hat sich lange als “wahres Israel” verstanden und den Juden vorgeworfen “Gottesmörder” zu sein. Beide Weltkriege mit dem schrecklichen Höhepunkt des Holocaust gingen vom christlichen Europa aus. Rassismus und Antisemitismus konnten in Mitte all der Kirchen und theologischen Fakultäten zu unglaublicher Macht gelangen. Wie konnte das bloss geschehen?

Wer bei Verschwörungsmythen anbeisst, zahlt oft direkt oder indirekt auf antijüdische Konten ein. Christen sollten aufwachen, Busse tun und nicht länger unterstützen was Gottes geliebtem Volk schadet! Mit Pilgerreisen nach Israel ist es nicht getan.

Abschliessende Gedanken

Dominiert die Angst vor dem Bösen, so führt Glaube auch zu Verschwörungsgläubigkeit. Vertrauen in eine gute Macht der Liebe, die letztlich die Kontrolle hat, schafft Raum und Zeit für heilsames “Gerede”.

Gerade wer an einen übermächtigen personalen Teufel glaubt, sollte nüchtern bleiben und seine Energie nicht im Kampf gegen Windmühlen verschwenden. Womöglich sind gerade Verschwörungsmythen die mächtigste Waffe des Bösen, der “ein Lügner und der Vater der Lüge ist” (Johannes 8,44). Wer diesen Lügen glaubt und sie verbreitet, stärkt den Einfluss des Bösen. Hat der Teufel je einen Krieg geführt? Es waren immer Menschen, die menschenverachtenden Ideologien und Feindbildern aufgesessen sind! Die Macht dazu kam aus der Zustimmung der Massen, die den Mythen ihrer Anführer geglaubt haben!

Es gibt zwei mögliche Fehler, die wir machen können:

  1. Es geht etwas Böses vor und wir haben es zu spät bemerkt.
  2. Es geht nichts Böses vor, aber wir warnen trotzdem. Wir schreien “Wolf, Wolf!”, obwohl kein Wolf da ist.

Verschwörungsgläubige sind getrieben von Angst und setzen alles daran, Fehler #1 zu vermeiden: Immer möglichst früh warnen, bei jedem spekulativen Verdacht. Bloss keine Zeit verlieren. Wenn dafür öfters Fehler #2 begangen wird, finden sie das nicht sonderlich schlimm. Doch mit Fehler #2 nehmen wir in Kauf, dass Lüge verbreitet und das Böse gestärkt wird. Leidtragende sind dabei oft die Juden. Zudem hört wegen der ständigen Fehlalarme niemand mehr hin, falls tatsächlich der Wolf kommen sollte. Im dritten Reich wurde Fehler #1 begangen (man liess den echten Wolf Hitler gewähren), weil man zu sehr mit Fehler #2 beschäftigt war: Vor den falschen Wölfen (den Juden) zu warnen.

Wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen und keine falschen Gerüchte verbreiten (2. Mose 23,1). Gott hat uns einen Verstand gegeben, um ihn damit zu lieben (Markus 12, 30). Und vielleicht am wichtigsten: Er hat uns nicht einen Geist der Angst gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim. 1,7).


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