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Das Willkommensgebet

Das Willkommensgebet ist eine Methode der Zustimmung zu Gottes Gegenwart und Handeln in unseren körperlichen und emotionalen Reaktionen auf Ereignisse und Situationen des täglichen Lebens. Der Zweck des Willkommensgebets besteht darin, unsere Beziehung zu Gott zu vertiefen, indem wir ihm in den alltäglichen Aktivitäten zustimmen. Das Willkommensgebet trägt dazu bei, die emotionalen Programme unseres Egos (des falschen Ichs) abzubauen und die Wunden des Lebens zu heilen, indem es sie dort anspricht, wo sie gespeichert sind – im Körper.

Willkommen, willkommen, willkommen!
Ich heisse alles willkommen, was mir heute begegnet,
weil ich weiss, dass es meiner Heilung dient.
Ich heisse alle Gedanken, Gefühle, Emotionen, Personen, Situationen und Umstände willkommen.
Ich lasse mein Verlangen nach Macht und Kontrolle los.
Ich lasse mein Verlangen nach Zuneigung, Wertschätzung, Anerkennung und Vergnügen los.
Ich lasse mein Verlangen nach Überleben und Sicherheit los.
Ich lasse mein Verlangen los, Situationen, Umstände, Personen oder mich selbst zu ändern.
Ich öffne mich für Gottes Liebe und Präsenz und für Gottes Handeln in mir.
Amen.

Das Willkommensgebet

Die Methode

Die Geschichte des Willkommensgebets ist etwas überraschend. Es ist keine alte Praxis, obwohl sie auf einer alten Idee beruht. Mary Mrozowski aus Brooklyn, New York – eine der ersten Leiterinnen des Gebets der Sammlung (Centering Prayer) – entwickelte die Methode. Sie wurde von “Abandonment to Divine Providence” (Original: “L’Abandon à la providence divine”) inspiriert, einem spirituellen Werk aus dem frühen 18. Jahrhundert, geschrieben vom Jesuitenpriester und spirituellen Lehrer Jean Pierre de Caussade. Thomas Keating und andere sahen den Wert dieser kleinen Methode. Innerhalb der Gemeinschaft von Menschen, die das Gebet der Sammlung praktizierten, und auch darüber hinaus, wurde sie im Laufe der Jahre gefördert, verfeinert und erweitert.

Wenn wir mit einem schlechten Gefühl zu kämpfen haben, bietet diese Methode einen strukturierten Weg, es anzunehmen und zu akzeptieren, sodass wir es schliesslich loslassen und weitermachen können. Das Willkommensgebet besteht aus drei Phasen. Wir können in einer einzigen, relativ formalen Gebetsfolge direkt von einer zur nächsten übergehen. Oder wir können in einer Phase verweilen, während die innere Arbeit geschieht. In Anlehnung an Cynthia Bourgeault sind die drei Phasen wie folgt benannt:

  1. Fokussieren und einsinken
  2. Willkommen heissen
  3. Loslassen

Fokussieren und einsinken

Hier geht es nicht darum, in schlechten Gefühlen zu schwelgen. Es geht nicht darum, sie zu verstärken oder zu rechtfertigen. Es geht darum, das Gefühl zu fühlen. Wir erlauben uns, in dieses Gefühl einzutauchen und lassen uns davon überschwemmen. Wir laufen nicht davor weg oder bekämpfen es. Fühlen wir einfach, wie es ist, dieses Gefühl zu erleben. Das Wort “fühlen” kann entweder bedeuten, eine körperliche Erfahrung zu machen, oder geistig einer Emotion zu begegnen. Verbinden wir die beiden. Fühlen wir die Emotion physisch. Wir nehmen unseren Körper wahr, wie er angespannt, ängstlich, heiss, zappelig oder lethargisch ist. Wie bei der Meditation beobachten wir das Gefühl nur und versuchen nicht, es zu verändern.

Willkommen heissen

Man kann nur dort beginnen, wo man ist und man kann nur vorwärtskommen, wenn man akzeptiert, wo man ist. Bestätigen wir also jetzt die Richtigkeit des Ortes, an dem wir uns befinden, indem wir das schlechte Gefühl oder die Emotion willkommen heissen und Gottes Gegenwart im Augenblick anerkennen. Das tun wir, indem wir wörtlich sagen: “Willkommen, [schlechtes Gefühl]”. Wenn wir vor Angst erstarrt sind, sagen wir: “Willkommen, Angst”. Wenn wir wutentbrannt sind, sagen wir: “Willkommen, Wut”.

Ein Hinweis: Wir sprechen hier über Gefühle und Emotionen, nicht über Probleme oder körperliche Beschwerden. Wir heissen weder Krankheit noch Ungerechtigkeit willkommen. Wenn wir durch das Willkommensgebet Erleichterung vom Kampf mit einem Problem oder einer Krankheit suchen, denken wir darüber nach, welche negativen Emotionen oder Gefühle dadurch ausgelöst werden. Es werden wahrscheinlich Ängste oder Wut sein. Wir könnten uns über Ungerechtigkeit ärgern oder Angst vor der Zukunft haben. Denken wir daran: das Willkommensgebet gilt für Gefühle und Emotionen, nicht für das, was sie ausgelöst hat.

Viele widersetzen sich dem Gedanken, zu akzeptieren, wo sie sind, wenn es nicht gut ist, wo sie stehen. Aber Akzeptanz ist nichts Passives. Akzeptanz verwurzelt uns lediglich in der Realität, sodass wir effektiv auf eine Situation reagieren können. Wenn wir uns vor einem Gesundheitsproblem fürchten, kann uns diese Angst blockieren. Wenn wir die Angst akzeptieren und dann loslassen, können wir dazu befreit werden, mit dem Problem besser umzugehen.

Loslassen

Es gibt mindestens vier Möglichkeiten, im Willkommensgebet loszulassen. Die ursprüngliche Version von Mary Mrozowski verwendet eine vorgegebene Formulierung. Wir sagen diese Zeilen unabhängig von der konkreten Situation:

Ich lasse mein Verlangen nach Macht und Kontrolle los.
Ich lasse mein Verlangen nach Zuneigung und Wertschätzung los.
Ich lasse mein Verlangen nach Überleben und Sicherheit los.
Ich lasse mein Verlangen los, die Situation zu ändern.

Eine kürzere Version greift nur die letzte Zeile auf und verbindet sie mit der konkreten Situation:

Ich lasse mein Verlangen los, dieses Gefühl zu ändern.

Eine dritte Alternative ist noch kürzer und benennt das Gefühl:

Ich lasse meine [Angst/Wut/etc.] los.

Und zuletzt mein Favorit mit mehr Tiefe und dennoch kurz:

Gott, ich gebe Dir meine [Angst/Wut/etc.].


Dieser Artikel ist eine Übersetzung von “The Welcoming Prayer by Father Thomas Keating” aus dem Blog My Shepherd King. Vielen Dank an Tom Frontier für die Erlaubnis, den Text zu verwenden.

Links:

  • Bei Contemplative Outreach gibt es mehr Informationen zum Willkommensgebet (Englisch).

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