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Gedanken zur Apokalypse

Als 1990 die USA im Irak einmarschierte war ich ein Teenager. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um den Lauf der Weltgeschichte. Da versammelte sich die mächtigste Militärmacht der Erde im biblischen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Auch Israel, dessen Gründung 1948 von vielen Christen als erfüllte Prophetie interpretiert wird, war von den Geschehnissen betroffen. Sowohl die USA wie auch Israel besassen Atomwaffen. Waren jetzt Steine ins Rollen gekommen, von der die Bibel in Endzeitprophetien spricht? War das ein Schritt Richtung Armageddon? Das waren nicht nur meine Gedanken. Etwa 15% aller Amerikaner dachten genauso [1] und selbst in den höchsten Ebenen der amerikanischen Regierung wurde diese Interpretation geteilt. Als es um den 2. Irakkrieg ging, sagte George W. Bush 2003 gegenüber dem französischen Präsidenten Jacques Chirac: “The biblical prophecies are being fulfilled… This confrontation [the Iraq war] is willed by God, who wants to use this conflict to erase his people’s enemies before a New Age begins.” [1]

Wer überzeugt ist, ein nukleares Armageddon sei unausweichlich, weil Gott es so geplant hat, ist ein denkbar schlechter Friedensstifter. Er wird die vermeintliche Prophezeiung zur selbsterfüllenden Prophezeiung machen! Will Gott tatsächlich Krieg führen? Wie liest man die Offenbarung richtig?

Dispensationalismus

George W. Bush sprach von einem “New Age”, einem neuen Zeitalter. Was meint er damit? Diese Deutungsweise der Bibel geht auf den sogenannten Dispensationalismus zurück, der im 19. Jhdt. entstand. Dispensationen sind Zeitalter, in denen Gott unterschiedlich an der Welt wirkt, um seinen Heilsplan voranzubringen, wie z.B. das Zeitalter des Gesetzes oder das tausendjährige Reich. Dispensationalisten verstehen die Bibel mitsamt ihrer apokalyptischen Stellen als verbalinspiriert. Sie glauben, dass die Offenbarung ein kodiertes Drehbuch für die Endzeit ist. Wer weise ist und die Zeichen richtig deutet, der kann anhand geopolitischer und gesellschaftlicher Entwicklungen die Stellen entschlüsseln. Plötzlich wird klar, wo wir im Ablauf stehen und welche Zornesschale wohl als nächstes ausgeschüttet wird. Politischen Organisationen wie der Uno oder der EU werden Hauptrollen zuteil, Russland wird als “Gog” identifiziert, ein Volk, das von Satan befreit wird und gegen Christus in den Krieg ziehen soll (Offb. 20,1-10). Das “New Age” ist nichts Esoterisches, sondern meint das prophezeite Millennium, das tausendjährige Reich (Millenarismus). Damit verbunden ist die Erwartung einer Entrückung der Gläubigen. Dispensationalisten glauben meist an einen Prämillenarismus, d.h. die Gläubigen werden entrückt bevor es richtig zur Sache geht und Jesus wiederkommt.

Sichtweisen des Milleniums (Original von Theopilus77, Wikipedia)

In den USA sind evangelistische Aufkleber am Heck von Autos sehr beliebt. Einige informieren Lenker von nachfolgenden Fahrzeugen darüber, dass das Auto jederzeit ausser Kontrolle geraten könnte! Falls nämlich die Entrückung (engl. “rapture”) stattfindet, würde der Fahrer dieses Fahrzeugs plötzlich verschwinden: “Caution! In event of Rapture this car will be unmanned.”

Literatur macht Weltpolitik

Hal Lindsey machte 1970 mit seinem Weltbestseller “Great Late Planet Earth” (Alter Planet Erde wohin?) diese Endzeitvorstellungen populär. Als Amerika 1990 in den Irakkrieg zog, schnellten die Verkaufszahlen des Buchs um 83% nach oben [1]. Auch die “Left Behind” Serie der Amerikaner Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, die 2014 verfilmt wurde, war sehr erfolgreich. Lindsey soll auch geistlicher Berater von Ronald Reagan gewesen sein, welcher sich bereits 1971 (damals noch Gouverneur von Kalifornien) klar äusserte:

Alles fügt sich zusammen. Es kann jetzt nicht mehr allzu lange dauern. Hesekiel sagt, dass Feuer und Schwefel auf die Feinde von Gottes Volk regnen werden. Das muss bedeuten, dass sie durch Atomwaffen vernichtet werden. Die gibt es jetzt, und die gab es in der Vergangenheit nie. Hesekiel sagt uns, dass Gog, die Nation, die all die anderen Mächte der Finsternis gegen Israel anführen wird, aus dem Norden kommen wird. Bibelgelehrte haben seit Generationen gesagt, dass Gog Russland sein muss.

Ronald Reagan, 1971 [1] (eigene Übersetzung)

Gefahren

Die Gefahren des dispensationalistischen Endzeitverständnisses liegen auf der Hand. Wer hinter jedem Ereignis den Antichristen wittert, ist anfällig für Verschwörungsglaube. Bereits im 2. Jhdt. machte der Montanismus, eine christliche prophetische Strömung, apokalyptische Prophezeiungen zum tausendjährigen Reich, die sich nicht erfüllten. Weil man sich gegen solche Tendenzen abgrenzen wollte, wurden keine weiteren apokalyptischen Schriften in den Kanon aufgenommen. Die Liste unerfüllter Endzeitprohezeiungen und vermeintlicher Antichristen ist lang und reisst bis heute nicht ab. Das allein sollte eine gesunde Skepsis wecken und die Frage erlauben, ob die Offenbarung das wirklich hergibt? Ist sie tatsächlich als Drehbuch gedacht? Falls nein, dann würde man sich der Verbreitung von Lügen und Angst schuldig machen. Das scheint für viele Christen allerdings ein geringfügiges Problem zu sein.

Die Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Entrückung kann angsterfüllten Glauben zur Folge haben. Die Hinwendung zu Gott wird hauptsächlich durch Angst motiviert: “Rette dich bevor es zu spät ist!”. Gläubige berichten von Panik, als sie eines Tages nach Hause kamen und niemand anders aus der Familie zuhause war. Sie meinten, die Entrückung habe ohne sie stattgefunden und sie seien als Einzige zurückgelassen worden, eben “left behind”.

Besitzen Menschen Macht, so besteht die Gefahr, dass sie sich als von Gott berufen sehen, dem “unvermeidlichen” Lauf der Zeit den entscheidenden Schubs zu geben. Selbsterfüllende Prophezeiungen und Kriegstreiberei im Namen Gottes drohen. Wie soll man Frieden halten, wenn man glaubt, dass Kriege unausweichlich sind, damit Jesus wiederkommen kann?

Apokalyptischer Fatalismus

Wenn die Welt sowieso zugrunde geht, wieso soll man sich noch gross anstrengen? Wieso das Klima retten, wenn die apokalyptischen Reiter bereits in den Startlöchern stehen? Wieso abrüsten, wenn wir für Armageddon bereit sein müssen? Viele Christen glauben, die Welt befinde sich in einer Abwärtsspirale. Die Menschen werden immer gottloser, das Leid immer grösser, die Katastrophen folgen immer schneller aufeinander. Und das muss ja schliesslich so kommen, weil es bereits in der Offenbarung steht.

Wir tun gut daran, einen Moment innezuhalten und genauer hinzuschauen. Wird die Welt tatsächlich immer schlechter? Hans Rosling war Professor für internationale Gesundheit in Schweden. Er wurde durch sein Buch “Factfulness” und seine TED Talks berühmt. Seine Nachricht an die Menschheit lautet, dass wir ein völlig verzerrtes Bild von der Welt haben und die Lage systematisch viel zu schlecht einstufen. In vielen Bereichen geht es der Welt besser als je zuvor. Hier einige faktenbasierte Beispiele aus Roslings FAZ-Artikel “Die Welt wird immer besser” (2018):

  • Die weltweite Kindersterblichkeit sank seit 1800 von 44% auf heute 4%.
  • Heute können 86% der Erwachsenen weltweit lesen, im Vergleich zu 10% vor 200 Jahren.
  • Der Anteil Menschen, der in extremer Armut lebt, hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre halbiert.
  • Heute leben 56% der Menschen in Demokratien. Vor 200 Jahren war es nur 1%.
  • 88% der einjährigen Kinder erhalten mindestens eine Impfung. Noch 1980 waren es lediglich 22%.
  • Nur 1 von 100’000 Menschen stirbt heute im Krieg.

Wie kann jemand angesichts solch wunderbarer Statistiken noch behaupten, dass die Zustände auf der Welt immer schlimmer werden?

Hans Rosling

Haben nicht gerade wir Christen eine Verantwortung für diese Erde und die Menschheit? Wir machen bei jeder Gelegenheit darauf aufmerksam, dass viele Errungenschaften der modernen Welt auf dem Boden des jüdisch-christlichen Erbes gewachsen seien. Kann in diesen Früchten nicht auch Gottes Segen liegen? Das Reich Gottes lässt sich doch gerade in sozialer Gerechtigkeit, medizinischer Versorgung, weltweiter Solidarität, Bildung und politischer sowie persönlicher Freiheit entdecken. Wieso müssen wir Christen notorisch den Niedergang der Welt herbeisehnen?

Weltliche Reiche und Gottes Reich

Michael J. Gorman, Autor von “Reading Revelation Responsibly” [2], argumentiert, dass die weitverbreitete dispensationalistische Leseweise der Offenbarung zutiefst falsch sei:

Gesamtbeurteilung: Das ist eine gründlich fehlgeleitete Herangehensweise an die Bibel, Theologie und das christliche Leben. Es könnte passable Fiktion sein, auf irgendeinem Amateur-Niveau, nur ist es tatsächlich Theologie – gefährliche Theologie.

Michael J. Gorman [2] (eigene Übersetzung)

Er zeigt auf, wie man die Offenbarung im Kontext des 1. Jhdts. interpretieren sollte und führt den Leser in ein verantwortungsvolles Verständnis dieses schwierigen Textes. Es geht nicht um “spekulative Voraussicht”, sondern um “theologische Einsicht”. Die Offenbarung ist ein hybrider Text, der verschiedene Genres vereint: Apokalyptik, Prophetie, Brief und Liturgie. Die Kanonisierung der Offenbarung war lange sehr umstritten. In der Ostkirche dauerte es gar bis ins 10. Jhdt., bis sie offiziell akzeptiert wurde. Auch Martin Luther wurde nicht richtig warm mit dem Buch. In seiner Vorrede zum Buch der Offenbarung schreibt er, dass er “nicht spüren könne, dass es vom Heiligen Geist verfasst sei” und dass “Christus darin weder gelehrt noch erkannt” werde.

Jesus gegen Caesar

Gorman liest die Offenbarung als christliche Widerstandsliteratur gegen das römische Reich. Das Buch ist eine Kritik und eine Parodie des römischen Kaiserkults. Die Christen sollten in ihrer Verfolgung getröstet werden und sich bewusst machen, dass ihr Heil nicht von Rom, sondern von Christus kommt.

Die Offenbarung wurde wohl um das Jahr 90 n. Chr. geschrieben, gegen Ende der Regentschaft von Kaiser Domitian. Heute ist man sich mehrheitlich einig, dass der Autor Johannes von Patmos nicht der Evangelist Johannes war. In den 60er Jahren des 1. Jhdts. wurden Christen von Kaiser Nero verfolgt. Er beschuldigte Christen, den grossen Brand in Rom gelegt zu haben, woraufhin viele Christen gefoltert und getötet wurden. Einige Quellen vermuten gar, dass auch Petrus und Paulus unter diesen Opfern waren. Nach dem Fall von Jerusalem im Jahr 70 begannen die Christen Rom schliesslich “Babylon” zu nennen.

Die römischen Kaiser sahen ihr Reich als heilig an. Die Götter (insbesondere Jupiter) hätten Rom auserwählt. Als verlängerter Arm Gottes würden die Kaiser für Frieden und Heil unter den Menschen sorgen. Die Kaiser schmückten sich auch mit Titeln wie “Sohn Gottes”, “Herr der Herren” oder “Retter”. Das bedeutete, dass die Menschen nicht nur die Götter zu verehren hatten, sondern auch die Herrscher selbst – inklusive Anbetung und Darbringung von Opfern. Die sieben Städte, an welche die Sendeschreiben gerichtet sind, waren Hochburgen dieses imperialen Kaiserkultes. Aus christlicher Sicht war dieser Götzendienst ein eklatanter Verstoss gegen das 1. Gebot: “Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.”

Es ging um Jesus gegen den Kaiser. Nur einer konnte der Messias sein. Nur einer konnte der “Sohn Gottes” sein.

Prodigien

Die in der Offenbarung aufgeführten Strafen wurden im 1. Jhdt als sogenannte Prodigien verstanden. Prodigien waren Zeichen dafür, dass der Friede mit den Göttern (“Pax Deorum”) gestört war [4]. Es gab offizielle Prodigienlisten, in denen diese Zeichen aufgeführt waren. Dazu gehörten Erscheinungen wie Blutregen, Meteorfall oder Erdbeben. Solche Zeichen galten dem römischen Staat als Ganzes und mussten daher durch den Senat anerkannt werden. Meist wurde dann ein Opfer, ein Ritual oder die Einführung eines neuen Kults beschlossen, um den Zorn der Götter wieder zu besänftigen. Das Tier in der Offenbarung führt beispielsweise einen neuen Kult ein, indem es ein Standbild aufrichtet, das alle anbeten sollen (Off. 13, 14-15). Für damalige Leser war die Sprache von Johannes klar. Das Erscheinen von Prodigien in seinen Visionen drückte aus: Gott ist erzürnt gegen das römische Reich. Doch dieser christliche Gott forderte keine neuen Opfer und Kulte, sondern Umkehr! Umkehr von eben gerade diesem verstaatlichten Götzendienst hin zum lebendigen Gott, hin zum Lamm.

Die Zahl des Tieres

Zur Identifikation von Babylon mit Rom passt auch die Zahl des Tieres aus Offenbarung 13,18. In den heutigen Übersetzungen finden wir die Zahl 666 – die Zahl eines Menschen. Es gibt aber auch Fragmente, in denen die Zahl 616 lautet. Das weist deutlich auf Kaiser Nero hin. Wird die griechische Schreibweise von Kaiser Nero (neron kaisar) ins Hebräische transkribiert (NRWN QSR), ergibt sich der Wert 666. Wird allerdings die lateinische Schreibweise (ohne “n”) transkribiert (NRW QSR), so ergibt sich 616. Im 1. Jhdt. war zudem die “Nero Redivivus” Legende verbreitet, die besagte, dass Nero von den Toten zurückkehren würde. Einige Ausleger deuten die Verwundung und Heilung des Tieres in Offenbarung 13,3 als Anspielung auf diese Legende.

Wenn diese Zahl also so perfekt auf Kaiser Nero passt, gibt es für uns heute keinen Grund, weiter nach der richtigen Person zu suchen. Das kann leider zu einer echten Besessenheit werden. Es gibt sogar einen Fachbegriff für die Angst vor der Zahl des Tieres: die Hexakosioihexekontahexaphobie. Betroffene meiden alles, was die Zahl 666 enthält, seien es Autonummern, Preisschilder, Haus- oder Telefonnummern. Es gibt sogar christliche Liederbücher, in denen Lied Nr. 666 fehlt. Und natürlich lassen sich vielerlei Verschwörungsmythen dadurch beleben. Wer kreativ sucht, findet überall die teuflische Zahl.

Rom heute?

Die Offenbarung kritisiert also den antigöttlichen Kaiserkult Roms. Damit hat sich ihre Botschaft aber nicht erschöpft. Sie geht uns heute noch genauso an wie die Christen im 1. Jhdt. Es wird nämlich nicht einfach Rom verurteilt, sondern ganz allgemein weltliche Macht, die sich imperial gebärdet:

Die Offenbarung ist daher eine “visionäre Kritik” an “der bestialischen Seite des Imperiums”, der “Vergötterung menschlicher Macht” und “der dunklen Seite des Kommerzes”.

Michael J. Gorman [2] (eigene Übersetzung)

Wo immer heute weltliche Macht missbraucht wird, um Menschen zu unterdrücken, wo Herrscher im Namen Gottes auftreten und Nationen als heilig verehrt werden, da weht auch heute der Geist Roms. Gorman, selbst Amerikaner, ist sich bewusst, dass gerade auch die Weltmacht Nr. 1 von heute dabei in den Fokus gerät:

“Sklavenarbeit; Dämonisierung, Völkermord und Vertreibung indigener Völker; Kolonisierung ferner Länder …; kulturelle Arroganz; und globale Militärmacht.” Es ist für viele – mich eingeschlossen – schwierig, sich der Schlussfolgerung zu widersetzen, dass die Vereinigten Staaten einen imperialen Charakter hatten und weiterhin haben.

Michael J. Gorman [2] (eigene Übersetzung)

Allgemein gesprochen kritisiert die Offenbarung eine religiöse Verehrung des Staates (“civil religion”). Dazu gehört auch christlicher Nationalismus, der glaubt, der eigene Staat sei anderen überlegen und von Gott auserwählt. Siege in Kriegen werden als Bestätigung dieser Sicht gedeutet. In den USA sprechen Schüler jeden Morgen den Treueschwur auf die Flagge: “I pledge allegiance to the Flag of the United States of America, and to the Republic for which it stands…”. Wem gehört unsere Treue: Einer Nation oder Gott? Wie viele Kriege wurden geführt, weil man glaubte, die eigene Nation sei auserwählt und von Gott speziell gesegnet?

Die kleine Schweiz ist gewiss kein imperialer Player, obwohl sie auf dem globalen Finanzmarkt durchaus eine gewisse Bedeutung hat. Dennoch soll die Frage erlaubt sein, ob es richtig ist, die Präambel der Verfassung “Im Namen Gottes des Allmächtigen” zu schreiben? Nimmt sich hier der Staat nicht eine ungebührliche Autorität heraus, indem er sich auf Gott beruft? Als Israel einen König forderte, entsprach dies nicht dem Willen Gottes (1. Sam. 8,4-7). Doch Gott gewährte seinem Volk diesen Wunsch. Auch Jesus machte klar, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei (Joh. 18,36). Es ist also zumindest fraglich, inwiefern sich politische Strukturen göttlich legitimieren lassen.

Der Kampf des Lammes

Der endgültige Sieg wird ab Kapitel 19 Vers 11 beschrieben. Der Reiter auf dem weissen Pferd (Off. 19,11-16) führt die himmlischen Heere in die letzte Schlacht. Doch was ist das für ein Kampf? Wenn wir den weissen Reiter etwas genauer betrachten, fällt Folgendes auf [3]:

  • Sein Mantel ist mit Blut getränkt, bereits bevor der Kampf beginnt (Vers 13). Es ist also sein EIGENES Blut.
  • Der Reiter führt sein Schwert nicht in der Hand, wie für einen Kampf gerüstet. Das scharfe Schwert kommt aus seinem Mund.
  • Der Reiter hat noch einen anderen Namen: »Das Wort Gottes« (Vers 13).

Der Reiter symbolisiert Jesus Christus, das geschlachtete Lamm. Das Lamm erringt den Sieg nicht mit den Waffen des Gegners, nicht mit Gewalt und Brutalität. Es erringt den Sieg durch seinen widerstandslosen Tod am Kreuz und durch die Worte des Evangeliums. Das ist eine Auslegung, die mit der christlichen Lehre und dem Evangelium übereinstimmt!

Würde Jesus durch Gewalt den Sieg erringen, wäre er nur ein weiterer Caesar. Aber Jesus regiert “vom Kreuz und nicht aus einem Apache Kampfhelikopter” (Brian Zahnd). Oder glauben wir tatsächlich, Gott werde am Ende der Zeiten zur Einsicht gelangen, dass der Weg der Liebe, den Jesus so treu ging, doch in einer Sackgasse endet? Verliert Gott etwa nach 2000 Jahren die Geduld und kommt zur Überzeugung, dass die Menschen einfach nur die Sprache der Gewalt verstehen? Also muss er nochmals seine Macht demonstrieren, indem er hunderte Millionen Menschen dahin schlachtet? Die Bergpredigt wäre ein nettes aber erfolgloses Experiment geblieben. Diese Auslegung ist zutiefst unchristlich. Genau so würde ein weltlicher Herrscher denken: “Man kann den Sieg nur mit Gewalt erringen, es kann nur der Stärkste gewinnen.” Das soll also auch bei Jahwe und Jesus nicht anders sein? Muss die Welt wie jeder Hollywood-Action-Streifen in einem bombastischen Blutbad enden, wenn der “Gute” mit den Bösen abrechnet?

Ich glaube, der Sieg wurde bereits am Kreuz errungen. Gott muss sich nicht wie James Bond zum Happy End durchschiessen. Armageddon war bereits [4]! Es ist vollbracht! Jesu Weg ist der Weg der Bergpredigt, der Liebe, der Überführung durch sein Wort. Es braucht keinen weiteren Krieg, bis Jesus wiederkommen kann! Wir Christen sollten Friedensstifter von ganzem Herzen sein. Seine Liebe ist stark genug, um das Böse auszulöschen. Dafür brauchen wir keine Atombomben!

Die Prophezeiung über die Niederlage Babylons hat sich übrigens auf wunderbare Weise bereits erfüllt. Rom wurde “eingenommen”, als es sich im Jahr 380 dem Christentum zuwendete. Das sanfte Lamm hat über das grosse antigöttliche Weltreich tatsächlich gesiegt!

Das Phänomen des modernen Dispensationalismus mit seiner Befürwortung von angeblich göttlicher und unvermeidlicher Hypergewalt ist eine so hässliche und perverse Eschatologie, dass sie den Namen christlich nicht verdient. Eine christliche Eschatologie des Friedens und der Hoffnung wurde durch eine schreckliche Eschatologie der Gewalt und des Untergangs ersetzt.

Brian Zahnd [3, S.166]

Das neue Jerusalem

Offenbarung 21 beschreibt das neue Jerusalem. Das ist eine der schönsten Stellen in der Bibel. Das ist unsere Hoffnung und das Ziel Gottes mit seiner Schöpfung. Dann wird Gott der alleinige Herrscher sein, mitten unter den Völkern wohnen und alle unsere Tränen abwischen. Die grosse Frage ist: Ist dieses neue Jerusalem himmlisch, irdisch oder etwas ganz Neues? Muss unsere Erde vergehen und das neue Jerusalem wird von Grund auf neu gebaut? Oder wird unsere Welt transformiert? Was bedeutet es, wenn wir im Vaterunser beten: “Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.”?

Ich bin überzeugt, dass Jesus wiederkommen wird und es ein grosses Gericht geben wird. Aber von einer Entrückung ist in der ganzen Offenbarung nie die Rede. Diese Vorstellung geht auf andere Stellen zurück, z.B. 1. Thess. 4,16-18 oder Lukas 17, 34-36. Der bekannte Neutestamentler N.T. Wright ist der Überzeugung, dass diese Bilder nicht wörtlich zu verstehen sind:

Paulus’ Metaphern vom Blasen der Posaunen und der Lebenden, die in den Himmel entrissen werden, um dem Herrn zu begegnen, sind nicht als buchstäbliche Wahrheit zu verstehen, wie es die Left-Behind-Serie suggeriert, sondern als eine anschauliche, mit biblischen Anspielungen versehene Beschreibung der grossen Transformation der gegenwärtigen Welt, von der er an anderer Stelle spricht.

N. T. Wright, Farewell to the Rapture (eigene Übersetzung)

Mehr über Wrights Sicht auf die letzten Dinge gibt’s im Artikel “Unser Weg in die neue Schöpfung“.

Jesus lehrt, dass man das Kommen seines Reiches nicht an äusseren Anzeichen erkennen könne und dass es bereits mitten unter uns sei (Lukas 17, 21). Paulus vergleicht die Gemeinde mit dem Leib Christi (1. Kor. 12,12-31) und sagt von sich selbst, dass Christus in ihm lebe (Galater 2,20). An Pfingsten hat Gott schliesslich seinen heiligen Geist auf uns ausgegossen.

Wenn also Gottes Reich bereits unter uns ist, Christi Leib durch die Gemeinde verkörpert wird und sein Geist in uns lebt: Worauf warten wir dann noch? Könnte es sein, dass wir die Soldaten des weissen Reiters sind, die die Überreste des besiegten Bösen aus der Welt hinaus lieben sollen? Wenn wir uns auf Ihn ausrichten und immer durchlässiger werden für Seine Liebe, dann ist eines Tages die Wiederkunft Christi vielleicht einfach “die Sichtbarwerdung einer Realität, die jetzt schon Wirklichkeit ist” [4].

Image by Ria Sopala from Pixabay

Referenzen

[1] Phil Torres, “The Apocalypse and American Politics”
[2] Michael J. Gorman, “Reading Revelation Responsibly – Uncivil Worship and Witness: Following the Lamb into the New Creation”
[3] Brian Zahnd, “Sinners in the Hands of a Loving God”. Siehe auch seine Blogposts zum Thema Offenbarung (Englisch).
[4] Franz Tóth, “Die Offenbarung des Johannes” (Worthaus 9.10.1)

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