Blogs,  Bücher

Abba, bist du ein Kriegsgott?

Die aufopfernde, gewaltlose Feindesliebe Jesu steht im Kontrast zu vielen gewalttätigen Stellen im Alten Testament. Wie kann es sein, dass der Vater von Jesus heilige Kriege befohlen hat, in denen Frauen und Kinder explizit getötet werden mussten? Wie gehen wir als Christen mit diesen Stellen um und welche Auswirkungen hat das auf unser Gottesbild?

Gregory A. Boyd liefert mit seinem Buch “Cross Vision – How the Crucifixion of Jesus Makes Sense of Old Testament Violence” [1] einen ambitionierten Versuch für eine Lösung dieses Problems. Das Buch ist eine Fundgrube von hilfreichen Perspektiven auf dieses grosse Dilemma des Christentums.

Das Problem

Zunächst einmal sollten wir uns das Problem etwas näher anschauen. Was genau steht eigentlich im AT (Alten Testament)?

Gewalt im AT

Dieser Abschnitt enthält eine Sammlung diverser Bibelstellen aus unterschiedlichen Kontexten. Die Sammlung gibt einen guten Überblick, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Den Bann vollstrecken

  • Gott befiehlt Israel, den Bann an diversen Völkern zu vollstrecken. Nichts was Atem hat, soll am Leben gelassen werden. (5. Mose 20,16-17)
  • Bei der Eroberung Jerichos wird der Bann vollstreckt. D.h., Männer, Frauen und Kinder werden getötet. (Josua 6,17-21)
  • Achan behält etwas vom Banngut für sich. Als Strafe dafür wird er und seine ganze Sippe gesteinigt und verbrannt (Josua 7,13-26)
  • Der Bann wird an den diversen weiteren Völkern vollstreckt (4. Mose 21,3, 5. Mose 2,34, 5. Mose 3,6, 5. Mose 7,2, Josua 10,28-43, Josua 11,1-23, 1. Samuel 15, etc.)
  • Gott befiehlt, Rache an den Midianitern zu nehmen. Mose wird zornig, weil sie die Frauen leben liessen. Daraufhin werden alle Knaben umgebracht. Die jungfräulichen Mädchen durften die Soldaten für sich behalten. (4. Mose 31,1-18)

Todesstrafen

  • Das Gesetz verlangte die Todesstrafe für diverse sexuelle Vergehen wie Ehebruch, Hurerei, Inzucht, Homosexualität oder auch Sex während den blutigen Tagen der Menstruation, etc. (3. Mose. 20-21).
  • Die Todesstrafe galt auch für widerspenstige Kinder (5. Mose 21,18-21), Arbeit am Sabbath (2. Mose 35,2) und Lästerung des Namens Gottes (3. Mose 24,10-16).
  • Die Leviten brachten 3000 Mann um, als Strafe für die Verehrung des goldenen Kalbs. (2. Mose 32,27-28).
  • Wer die Lade des Herrn ansah oder berührte, starb (1. Samuel 6,19).

Gewalttätige Propheten

  • Elia liess Boten des Königs vom Feuer verzehren. (2. Könige 1,9-10)
  • Elia schlachtete nach einem gewonnenen Duell alle Baalspriester ab (1. Könige 18,40)
  • Elisa verfluchte 42 spottende Kinder im Namen Gottes und sie wurden von Bären zerrissen (2. Könige 2, 23-24)

Gerichte und Strafen

  • Die Sintflut (1. Mose 6-8)
  • Die Zerstörung von Sodom und Gomorrah durch Feuerregen (1. Mose 19)
  • Gott tötete die erstgeborenen Söhne Ägyptens (2. Mose 12,29-30)
  • Gott ertränkte das ägyptische Heer (2. Mose 14,23-28)
  • Der Aufstand von Korach wurde von Gott niedergeschlagen. Es öffnete sich die Erde und Feuer regnete vom Himmel (4. Mose 16). Der Aufstand ging weiter und Gott schlug mit einer Plage 14’700 Israeliten (4. Mose 17,6-15).
  • Gericht Gottes gegen sein Volk trifft auch die Gerechten (Hesekiel 21,3-9) und zerschmettert die Väter an ihren Kindern (Jeremia 13,14).
  • Israeliten werden mit extremem Hunger bestraft, sodass sie das Fleisch ihrer Söhne und Töchter essen (3. Mose 26,28-29, Jeremia 19,7-9)

Andere

  • Jeftah bat Gott ein Menschenopfer für einen Sieg an. Jeftahs Tochter hatte nicht soviel Glück wie Isaak. (Richter 11,30-35)
  • Glücklich wird gepriesen, wer Babylons Kinder am Felsen zerschmettert. (Psalm 137,8-9)

Das ist in der Tat eine heftige Dosis Gewalt, die uns da begegnet. Wir tun gut daran, das wahrzunehmen und zu akzeptieren. Ein Verdrängen oder Herunterspielen dieser Stellen ist nicht hilfreich. Wenn ich auch nicht damit einverstanden bin, so wird für mich der provokative Satz des Atheisten Richard Dawkins jetzt zumindest nachvollziehbar:

Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, grössenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.

Richard Dawkins, Der Gotteswahn

Gewalt gerechtfertigt mit dem AT

Diese gewalttätigen Stellen im AT sind weit mehr als ein PR-Problem des Christentums. Sie schaden uns Christen selbst, denn sie formen unser Gottesbild, bewusst oder unbewusst. Wenn die Ehrfurcht Gottes zur Angst vor Gott wird, kann sogar unser Glaube verkümmern.

Der Glaube an einen erbarmungslosen Gott schafft erbarmungslose Herzen!

Paul le Seur

Aufgrund dieser Vorlagen wurde die Bibel auch oft zur Rechtfertigung von Gewalt herangezogen. Wenn selbst Gott nur mittels Gewalt seine Ziele erreicht, wieso sollte es bei uns Menschen anders sein? Hartnäckig gehalten hat sich z.B. die Überzeugung, dass es “heilige” Kriege brauche. Als das junge Christentum zur Staatsreligion im römischen Reich wurde, kamen die entsprechenden Stellen neu zur Geltung. Man brauchte einen starken Gott, der gnadenlos gegen seine Feinde kämpfte. Das zog sich weiter in den Kreuzzügen und kolonialistischen Eroberungen. Selbst heute noch wird die Offenbarung des Johannes in eine kriegerische Richtung interpretiert. Viele Christen erwarten, dass Gott seinen Endsieg bei Armageddon in einer epischen Schlacht erringen wird.

Ein Beispiel dafür, wie die Bibel zur Rechtfertigung von Gräueltaten genutzt wurde, ist John Mason, Captain der englischen Kolonialmacht in Amerika [2]. Er plante im Jahr 1637 Eroberungszüge gegen den indigenen Pequot Stamm, mit dem Ziel Land einzunehmen. Weil einige Leute moralische Bedenken hatten, die friedfertigen Nachbarn anzugreifen, wurde die Sache Reverend John Stone unterbreitet. Nach einer Nacht im Gebet war Stone mit Masons Vorschlag einverstanden [2, S. 32]. Bei den Angriffen wurden 400-700 Mitglieder des Pequot-Stamms getötet. Viele davon Frauen und Kinder. Captain Mason beschrieb den Sieg in diesen Worten:

So wurde Gott auf dem Berg gesehen, wie er seine stolzen Feinde und die Feinde seines Volkes zermalmte […], sie im Feuer seines Zorns verbrannte und den Boden mit ihrem Fleisch düngte: Das war das Werk des HERRN, und es ist wunderbar in unseren Augen! ER ist es, der sein Werk wunderbar gemacht hat, und deshalb sollte man sich daran erinnern.

John Mason, A Brief History of the Pequot War, S. 13/14 (eigene Übersetzung)

Das ist nichts Geringeres als Genozid im Namen Gottes, gerechtfertigt nach dem Muster des AT! 1600 Jahre nachdem Jesus von Nazareth die selbst-aufopfernde Feindesliebe Gottes offenbart hatte! Was ist bloss schiefgelaufen?

Das Bibelverständnis

Wie wir mit diesen gewalttätigen Stellen umgehen, hängt massgeblich von unserem Bibelverständnis ab. Besonders schwierig wird es mit einem biblizistisch/fundamentalistischen Bibelverständnis. Alle diese Stellen wurden demnach direkt von Gott inspiriert! Daher akzeptieren konservative Christen mehrheitlich die gewalttätigen Stellen im AT im wörtlichen Sinn. Es wird versucht, die Motivation Gottes für dieses Handeln zu begründen. Für mich war das gewalttätige Bild Gottes im AT allerdings ein wichtiger Grund dafür, mich vom fundamentalistischen Bibelverständnis zu verabschieden. Ist Christus die Mitte der Schrift, wie z.B. bei Martin Luther, so lassen sich gewalttätige Stellen im Lichte von Jesu Offenbarung prüfen und relativieren.

Das ist im Wesentlichen auch die Position von Boyd. Er sieht Jesus Christus als die zentrale Offenbarung Gottes an: “Es gibt keinen Aspekt Gottes, der nicht durch die gewaltlose, selbstaufopfernde, feindumarmende Liebe gekennzeichnet ist, die am Kreuz offenbart wird.” [1, S. 46] Wir müssen das AT durch die Brille des Kreuzes lesen. Allerdings steht Boyd vor einer schwierigen Aufgabe, denn er fühlt sich einer konservativen Hermeneutik verpflichtet. Er lehnt zwar die Gewaltzuschreibungen an Gott ab, indem er diese auf die persönliche, kulturell konditionierte Sichtweise der Autoren zurückführt. Alles andere interpretiert er aber als direkt inspiriertes Wort Gottes:

Obwohl ich glaube, dass das Kreuz von mir verlangt, die Gewalt abzulehnen, die die alttestamentlichen Autoren Gott zuschrieben, wenn er die Menschen richtete, zwingt mich dieses Prinzip, jeden anderen Aspekt der Erzählungen zu bejahen, die diese Urteile enthalten.

[1, S.67]

Boyd geht so weit, dass er sich gar nicht sonderlich dafür interessiert, ob ein Ereignis tatsächlich so passierte oder nicht. Für ihn ist jede Erzählung, wie sie in der Bibel steht, göttlich inspiriert, unabhängig von den historischen Gegebenheiten:

Es ist die Erzählung selbst, abgesehen von allen Fragen, die mit ihrer Beziehung zu tatsächlichen Ereignissen zusammenhängen, die von Gott inspiriert ist und die wir so zu interpretieren versuchen, dass sie auf das Kreuz hinweist.

[1, S.211]

Für Boyd ist also irrelevant, ob der Sintflutgeschichte eine globale, eine regionale oder überhaupt eine Flut zugrunde liegt. Der Autor schildert die Geschichte als globales Gericht Gottes, also nimmt Boyd das so ernst. Das verkompliziert die Sache zusätzlich. Meiner Meinung nach verstrickt er sich deshalb oft in komplizierten Details, obwohl eine Erzählung als Ganzes schon zu hinterfragen wäre. Quick wins der historischen Forschung, welche die Historizität gewisser Ereignisse relativieren, könnten als “Entlastung” Jahwehs dienen. Darauf steigt Boyd aber nicht ein. Darunter fällt beispielsweise die Eroberung Jerichos, die Durchquerung des Roten Meers, oder eben die Sintflut. Thorsten Dietz bietet in Worthaus 8.5.1 beispielsweise eine Interpretation der Sintfluterzählung an, die ein Gottesbild im Kontrast zu anderen, älteren Flutgeschichten entwickelt. Dabei wird klar, dass die Autoren des AT Jahweh gerade durch seine Verachtung des Bösen und seine Liebe zu den Menschen von den anderen Göttern positiv unterscheiden wollten.

Um Gott als gewalttätigen Akteur skalpellartig aus den Stellen herauszuschneiden, identifiziert Boyd unter anderem alternative handelnde Kräfte. Er greift dadurch auf Vorstellungen der AT Autoren zurück, die auch mythische kosmische Kräfte, wie z.B. “die Wasser”, oder Monsterfiguren wie “Leviathan” oder “Rahab” umfassten. Letztlich führt Boyd diese Chaoskräfte auf Satan zurück.

Im Gegensatz zu den alten Hebräern fällt es den meisten von uns wahrscheinlich etwas schwer, ein Gewässer wie das Rote Meer mit Satan zu identifizieren. Sie werden sich also vielleicht fragen: Was geschah eigentlich, als Pharaos Armee im Roten Meer ertrank? Und wie ich schon zu Korahs Rebellion sagte, lautet meine Antwort: Ich weiss es nicht. Wir haben einfach keine Möglichkeit, hinter die mythische Erzählung zu gelangen, um herauszufinden, was tatsächlich geschah.

[1, S. 211]

Wenn Boyd schon die persönliche, kulturell konditionierte Sichtweise der Autoren für Gewaltzuschreibungen anführt und mythische Aspekte von Erzählungen herausstreicht – wieso nicht dieselbe Brille auf ganze Geschichten anwenden?

Das Bibelverständnis von Martin Benz (dargelegt in Movecast 8) hilft mir bei der Betrachtung des AT: “Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles in der Bibel ist Ansicht Gottes.” Das lässt Raum dafür, dass Autoren nicht nur einzelne Sätze, sondern ganze Abschnitte oder gar Erzählungen persönlich und kulturell prägen konnten. Gott lässt das zu, damit wir sehen können, wie die Reise dieser Autoren verlief und wie ihre Gottesvorstellungen sich entwickelt haben. Gott nimmt hier nicht die Rolle des Autors, sondern eher die eines Redaktors oder Herausgebers der Bibel ein. Auch darin ist die Demut Gottes sichtbar. Gott tritt einen Schritt zurück und lässt die Menschen selbst ihre Geschichten erzählen.

Gott beugt sich uns entgegen

Die Kernthese Boyds ist, dass Gott sich aus demütiger Liebe zu den Autoren des AT herunterbeugte, damit er überhaupt mit ihnen kommunizieren konnte. Die Offenbarung Gottes erfolgte schrittweise und durfte die Menschen nie überfordern. Gottes wahrer Charakter wurde in Jesus offenbart. Gott akzeptierte aber das Bild, welches die Autoren des AT von ihm hatten und übernahm es sogar in seine inspirierte Schrift. Damit trug er demütig die Folgen der menschlichen Sünde (einer Trennung von Gott) und nahm ihre Gestalt an, wie Jesus das am Kreuz tat. Oberflächlich betrachtet wurde Jesus als blasphemischer Lügner und gescheiterter Aufrührer hingerichtet. Mit dem Auge des Glaubens jedoch können wir durch diese Oberfläche hindurchblicken auf seine gewaltfreie, aufopfernde Liebe. Analog dazu sehen wir in den Portraits von Jahweh im AT mitunter hässliche Erscheinungen, die primär die gefallene und kulturell bedingte Sicht der Autoren widerspiegeln. Mit dem Blick des Glaubens können wir jedoch durch diese oberflächliche Spiegelung hindurchschauen und die demütige Liebe Gottes erblicken. Diese Portraits im AT sind damit quasi “wörtliche Kreuze”, die auf das Kreuz von Golgatha vorausweisen.

Wenn Jeremia in Kapitel 13 Vers 14 also schreibt “Und ich werde sie zerschmettern, einen am anderen, die Väter zusammen mit den Kindern, spricht der HERR.”, so argumentiert Boyd: “Wir müssen dieses hässliche Erscheinungsbild Gottes als ein Spiegelbild von Jeremias eigener gefallener, kulturell bedingter, hässlicher Vorstellung von Gott betrachten.” [1, S. 54].

Gott war bereit, seinem Volk zu gestatten, ihn wie eine Kriegsgottheit aus dem Alten Orient zu betrachten, soweit dies notwendig war.

[1, S.73]

Fortschreitende Offenbarung

Grundlegend für Boyds Sichtweise ist das Konzept einer fortschreitenden Offenbarung Gottes. Gott konnte sich nicht gleich zu Beginn in seiner Gestalt präsentieren, die wir in Christus am Kreuz sehen. Das hätte die Israeliten überfordert und zu einer Ablehnung Jahwehs geführt. Diese Überzeugung geht zurück auf Gregor von Nazianz, einem Kirchenvater aus dem 4. Jahrhundert. Gott verführte sozusagen sein Volk zum Evangelium durch kleine Schritte der Weiterentwicklung. Dieses Bibelverständnis war gemäss Boyd bis ins 4. Jahrhundert verbreitet und wurde auch auf die gewalttätigen Stellen im AT angewendet. Als allerdings das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde, kam die biblische Gewalt gelegen, um die eigene politische Agenda zu unterstützen. Das Römische Reich wurde damit zum Heiligen Römischen Reich. Und die verfolgte Kirche zur verfolgenden Kirche.

Im frühen vierten Jahrhundert hatte ein römischer Kaiser namens Konstantin angeblich kurz vor einer Schlacht eine Vision. Diese Vision überzeugte ihn, dass er und seine Armee ihre Feinde besiegen würden, wenn er unter dem Banner Christi kämpfte. Dies war das erste (aber leider nicht das letzte) Mal, dass der Name von Jesus Christus mit Gewalt in Verbindung gebracht wurde.

[1, S. 76]

Boyd nennt einige Beispiele dafür, bei denen Gott seinem Volk entgegenkommen musste: Polygamie, Tieropfer (Hebräer 10,5-9), Könige (1. Sam. 8,4-7) und das Gesetz an und für sich (Galater 3, 23-25).

Menschen im Antiken Orient glaubten, dass ihre Opfer die Nahrung der Götter seien. Der süsse Geruch des brennenden Fleisches würde sie sozusagen zum Mittagessen rufen. Tieropfer waren bei vielen Völkern bereits verbreitet, bevor die Israeliten auf den Plan kamen. Daher können diese Opfer kaum eine Idee Jahwehs gewesen sein [1, S. 90-91]. Indem Gott den Israeliten die Götzen nahm, die Opferriten aber vorerst liess, wies er auf einige Dinge hin: die Notwendigkeit für Busse, die tödlichen Konsequenzen von Sünde und auf sein eigenes Opfer am Kreuz.

Auch das Gesetz selbst war nur Mittel zum Zweck und nicht das Endziel Gottes. Wie Paulus in Galater 3, 23-25 darlegt, wurden wir vom Gesetz als Aufseher in Gewahrsam gehalten und erzogen – bis Christus kam! Es war schon immer Gottes Plan, uns aufgrund des Glaubens zu rechtfertigen.

Schliesslich spiegeln nicht nur die Gesetze über Tieropfer ein göttliches Entgegenkommen wider. Wir haben zwingende Gründe, das gesamte mosaische Gesetz und das darin vorausgesetzte gesetzesorientierte Gottesbild als Entgegenkommen zu interpretieren.

[1, S.93]

Der Kreuzestod Jesu wirkt wie ein überraschendes Filmende. Wer erinnert sich noch an “The Sixth Sense”? Ohne zu viel verraten zu wollen: Alle Szenen des Films erscheinen am Schluss plötzlich in einem anderen Licht. Am liebsten möchte man den Film gleich nochmals anschauen, um ihn richtig zu verstehen. So lesen wir als Christen das AT, im Hinblick auf Christus und durch die Brille des Kreuzes. Grosse Teile davon waren nicht die endgültige Offenbarung Gottes. Genau so muss auch das gewalttätige Gesicht, das Gott im AT demütig akzeptiert, als Zugeständnis und vorläufiger Offenbarungsschritt verstanden werden.

Kriegsgötter im Alten Orient

Menschen im alten Orient glaubten an bedrohliche kosmische Kräfte, wie z.B. “die Wasser”, welche die Erde auf allen Seiten umgaben (1. Mose 1,6-7). Diese Kräfte wurden oft als Monster dargestellt, im AT z.B. mit Namen wie Leviathan, Behemoth, oder Rahab. Die Götter schützten ein Volk vor diesen Kräften, in dem sie den Kampf gegen das Chaos führten (Chaoskampfmythen). Dieses Chaoskampf-Thema taucht auch im AT auf: “In der Tat übernahmen die alttestamentlichen Autoren manchmal einfach den Chaoskampf-Stoff aus einer älteren altorientalischen Quelle, fast wortwörtlich, und ersetzten die siegreiche Gottheit der älteren Quelle einfach durch Jahweh.” [1, S. 122-123].

Alle antiken Völker glaubten, dass ihr Hauptgott auf einem heiligen Berg wohne. Die Götter reiteten auf Donnerwolken und schleuderten Pfeile aus Blitzen. Auch dieses Bild findet sich im AT, z.B. in Psalm 18: Gott speit Feuer und Rauch steigt aus seiner Nase. Er donnert und spricht mit Hagel und feurigen Kohlen. Er schleudert Blitze auf seine Gegner.

Die Israeliten kannten die Götter ihrer Nachbarvölker und verehrten sie teilweise selbst. Sie erwarteten von Jahweh, dass er sich ähnlich wie die anderen Götter verhalten würde. Wenn sie ihm treu blieben, würde er ihnen Siege schenken. Wie wir beim König der Moabiter sehen, wurde notfalls die Gunst der Götter mit Menschenopfern erkauft (2. Könige 3, 26-27). Die Episode von Jeftah zeigt, dass die Israeliten ein sehr ähnliches Bild von Jahweh hatten (Richter 11,28-40). Die Israeliten wollten Gott loben, indem sie seine Kriegs- und Heldentaten ausführlich beschrieben. Was aus unserer heutigen Sicht abscheulich klingt, mag für einen Autor vor 2500 Jahren Anbetung seines Gottes gewesen sein.

Gott wollte den Israeliten Kanaan geben, ja. Aber er hätte das auch ohne Krieg erreicht (2. Mose, 23, 28-30, 3. Mose 18, 24-24, Psalm 20,8). Wiederholt fordert Gott sein Volk auf, nicht auf Wagen und Rosse zu vertrauen, sondern auf Ihn. Offenbar war Israel nicht bereit, Gottes Plan zu vertrauen, sondern wollte die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wer einen Hammer in der Hand hält, sieht überall Nägel. Wer sich Gott als Kriegsgott vorstellt, dessen Gedanken kreisen um Krieg. Der Segen wird im Sieg gesucht und jede Niederlage als Gericht gedeutet.

Als Jahweh sagte: “Ich will, dass mein Volk im Land Kanaan wohnt”, hörten Moses gefallene und kulturell konditionierte Ohren offenbar: “Ich will, dass ihr die Kanaaniter abschlachtet, damit mein Volk im Land Kanaan wohnen kann.” Denn in Moses altorientalischer Weltanschauung waren der Erwerb von fremdem Land und das Abschlachten der Bewohner des Landes zwei Seiten derselben Medaille.

[1, S. 117]

Göttliches Gericht

Wie soll Gott denn Gerechtigkeit herstellen, wenn er die Sünde nicht mehr richtet? Das ist ein oft vorgebrachter Einwand gegen ein gewaltloses Gottesbild. Die grosse Frage ist, wie wir uns “Gerechtigkeit” genau vorstellen. Viele denken dabei an einen zornigen Gott, der zurecht wütend ist auf die bösen Menschen und ihre Taten. Vergeltung und Sühne wird dadurch geschaffen, dass die Schuldigen bestraft werden. Je heftiger die Strafe, umso grösser die Genugtuung bei den Opfern. Diese Vorstellung entspricht einer austeilenden Gerechtigkeit, wie wir sie in der römischen Göttin Justitia verkörpert finden. Aber ist das auch das Gerechtigkeitsverständnis der Bibel? Das hebräische Wort für Gerechtigkeit lautet “zedaka” und kommt an ca. 500 Stellen im AT vor. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle wird diese Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit, Güte, Gnade, Treue, Rettung, Jubel oder auch Freude im gleichen Atemzug genannt. Die Gerechtigkeit Gottes zielt nicht auf Strafe, sondern auf Wiederherstellung! Mehr dazu gibt es hier: Aber Gott ist auch gerecht!

Boyd weist darauf hin, dass die Folgen der Sünde bereits in der Sünde angelegt sind. Das bedeutet, die Strafe der Sünde wird nicht von aussen dem Sünder auferlegt, sondern ergibt sich aus einem Tat-Ergehen Zusammenhang. Auch Jakobus bezeichnet den Tod als organische Folge der Sünde, wenn er in Jakobus 1,14-15 beschreibt, wie die Begierde schwanger wird und die Sünde gebiert. Die Sünde wiederum, wenn sie ausgewachsen ist, gebiert den Tod. Gottes Gericht besteht nunmehr darin, dass er die Menschen den Konsequenzen ihres Handelns überlässt.

Gott auferlegt den Menschen keine Strafe. Die zerstörerischen Folgen der Sünde sind in die Sünde selbst eingebaut. Und deshalb braucht Gott sich nur zurückzuziehen und der Sünde ihren selbstzerstörerischen Lauf zu lassen, wenn er Menschen richtet.

[1, S. 149]

Ob Sie es glauben oder nicht, im Alten Testament gibt es kein eigenes Wort für Strafe. Stattdessen bezieht sich die “biblische Sprache für Gericht … auf die Auswirkungen menschlicher Sünde, nicht auf eine Strafe oder Bestrafung, die Gott über die Situation verhängt oder den Tätern ‘schickt’.”

[1, S. 151]

Die wahren Akteure

Nebst der Sünde, die ihre eigene Strafe in sich trägt, weist Boyd auf weitere Akteure für Gewalt hin. Gott werde dann fälschlicherweise für die resultierende Gewalt verantwortlich gemacht. Zu diesen Akteuren gehören Menschen, wie z.B. König Nebukadnezar oder “kosmische Kräfte”, die letztlich auf Satan zurückgeführt werden.

Menschen und kosmische Kräfte

Indem Gott seine schützende Hand zurückzog, erlaubte er beispielsweise den Babyloniern (die böse Kraft), die Sünde der Israeliten (ihren Götzendienst) zu zerstören. Boyd nennt das “göttliches Aikido”, angelehnt an die japanische Kampfkunst, welche die aggressive Energie des Gegners nutzt um zu siegen.

Gott nutzte in weiser Voraussicht das Böse in Satans lieblosem Herzen und seine Unfähigkeit, Liebe zu verstehen, um ihn dazu zu bringen, die Zerstörung seines eigenen bösen Reiches zu inszenieren. Mit anderen Worten: Gott benutzte das Böse, um das Böse zu besiegen.

[1, S. 146]

Dabei stilisiert Boyd Satan zum mächtigen Gegengott Jahwehs hoch, indem er betont, dass Satan der Herrscher dieser Welt sei. Paulus nennt ihn sogar “Gott” (2. Korinther 4,4): “Das Neue Testament vermittelt uns den Eindruck, dass unsere Welt von mächtigen, zerstörerisch wirkenden, dämonischen Kräften durchdrungen ist.” [1, 181].

Diese Vorstellung des omnipräsenten und übermächtigen Bösen halte ich für gefährlich. Sie ist ein perfekter Nährboden für Verschwörungsmythen, denen auch Christen immer wieder anheimfallen. Ist Satan tatsächlich so mächtig oder gibt ihm Gott kontrollierte Freiräume (z.B. bei Hiob, den Versuchungen Jesu, Judas oder am Ende des Tausendjährigen Reiches)? Boyd geht sogar so weit, das Böse mit einem allgegenwärtigen Naturgesetz wie der Schwerkraft zu vergleichen:

Wenn wir diese Lehren über den Geltungsbereich und die Autorität von Satans Reich akzeptieren, dann müssen wir uns vorstellen, dass die kosmischen Kräfte, die die Menschen und die Schöpfung unaufhörlich in Richtung Zerstörung ziehen, auf einer spirituellen Ebene arbeiten, ähnlich wie die Schwerkraft funktioniert.

[1, S. 183]

Bloss, wenn das Böse tatsächlich so unvermeidlich ist wie die Schwerkraft, dann stellt sich für mich auch die Frage, ob es noch dazu taugt, Gott zu entlasten. Die Situation wäre dann damit vergleichbar, dass uns Gott über einen Abgrund hält. Weil er uns festhält fallen wir nicht in die Tiefe. Gott könnte Gericht üben, indem er uns loslässt und einfach “den bösen Kräften” überlässt. Danach zu sagen, es sei ja die Schwerkraft gewesen, die uns umgebracht habe und nicht Gott, ist doch sehr spitzfindig: “Die eigentlichen Verursacher der Zerstörung waren die Fluten und die Quellen der grossen Tiefe, nicht Gott.” [1, S. 197].

Propheten ausser Kontrolle

Die letzte Kategorie der gewalttätigen Akteure sind Individuen, die ihre göttliche Kraft missbrauchen. Boyd nennt hier Elia, Elisa und Samson als Beispiele. Diesen Menschen habe Gott eine übernatürliche Kraft gegeben, deren Gebrauch sie selbst zu verantworten hatten. Ähnliches galt für den Stab von Mose, der Wasser hervorbrachte, obwohl Gott das nicht wollte (4. Mose 20,11). Elia, der Feuer vom Himmel rief (2. Könige 1,9-10) und Elisa, dessen Fluch 42 Kinder das Leben kostete (2. Könige 2, 23-24) waren also selbst schuld an der Gewalt, welche die göttliche Kraft durch sie bewirkte. Zu der Stelle mit Elia und dem Feuer vom Himmel äusserte sich Jesus sogar direkt. In Lukas 9,54-56 wird berichtet, wie er seine Jünger zurechtweist, weil sie es wie Elia machen wollen.

An dieser Interpretation der amoklaufenden Propheten stört mich, dass die göttliche Kraft wie eine magische Zauberkraft zu funktionieren scheint. Können wir etwa in der Kraft des Heiligen Geistes sündigen? Das kann ich nicht glauben. Wie Boyd einräumt, wird die Geschichte von Elisa und den Bären von den meisten Gelehrten als Legende eingestuft: “Die meisten Gelehrten sind der Meinung, dass diese Passage dem Genre der Folklore oder Legende zuzuordnen ist.” [1, 225] Aber wie bereits weiter oben diskutiert, interessiert Boyd die tatsächliche historische Geschichte wenig. Es sei die Erzählung, die göttlich inspiriert sei, nicht ein allfälliges historisches Ereignis: “Wie ich wiederholt gesagt habe, hängt die göttliche Autorität einer biblischen Erzählung nicht von ihrer Gattung oder ihrer Beziehung zur Geschichte ab.” [1, S. 225]. Meiner Meinung nach stösst hier das biblizistische Bibelverständnis an seine Grenzen. Wenn Gottes Charakter auf Biegen und Brechen aus antiken Legenden abgeleitet werden muss, kommt es unweigerlich zu schrägen Interpretationen.

Abba, lieber Vater…

Mein Herz ist bedrückt. Mein Kopf ist verwirrt.
Ich habe viele schlimme Dinge über Dich gelesen.
Geschichten von Blut und Tod, von Rache und Gewalt.
Sie sagen, Du hättest das tun müssen. Weil Du heilig und gerecht bist.
Ich verstehe das nicht.

Ich glaube auch, dass Du heilig und gerecht bist.
Und ich glaube, dass Du Liebe bist.
Ich glaube, dass Du Dich uns in Jesus gezeigt hast. So wie Jesus ist, bist auch Du.
So wie Jesus möchte ich werden.

Aber Ich bin verunsichert.
Ich fühle mich zu Dir hingezogen. Doch dann tauchen diese schrecklichen Bilder auf.
Kenne ich Dich wirklich? Hast Du mir etwas verheimlicht?
Möchte ich wirklich so werden wie Du?
Ich dachte, Du wolltest uns von der Gewalt und dem Bösen erlösen.

Stattdessen habe ich Angst vor Dir.

Dann schaue ich in die Welt und sehe all das Gute, Schöne und die Liebe.
Das kann nicht aus dem Bösen kommen.
Ich entschliesse mich, Dir zu vertrauen!
Wenn ich unsicher werde wie Du bist, möchte ich auf Jesus schauen.
So wie Jesus möchte ich werden.


Was haben wir Dir angetan!
Nicht nur geschlagen, verstossen und gefoltert haben wir Dich.
Wir haben auch Deinen Namen beschmutzt.
Unser eigenes Spiegelbild haben wir betrachtet und Dich darin gesehen.
Wir haben uns selbst zu Gott gemacht. Wollten wir das nicht von Anfang an?
Wir waren lange blind und taub. Und sind es immer noch.

Die alten Helden können mir Vorbilder sein im Glauben.

Sie können mich lehren über meine eigene Reise.
Doch ihre barbarischen Taten verabscheue ich.
Wenn ich Dich sehen will, schaue ich auf Jesus.
Danke, dass Du Ihn geschickt hast, lieber Vater!

Amen

Referenzen

[1] Gregory A. Boyd, Cross Vision – How the Crucifixion of Jesus Makes Sense of Old Testament Violence. (Zitate sind eigene Übersetzungen aus dem Englischen.)
[2] Brian Zahnd, Sinners in the Hands of a Loving God

Photo by Hasan Almasi on Unsplash


Weiterführende Artikel

Inwiefern braucht Gott Gewalt, um seine Ziele zu erreichen? Diese Frage zieht sich durch viele weitere Themen hindurch, wie z.B. die Satisfaktionslehre, Armageddon oder die Hölle. Einige meiner Artikel befassen sich im Detail mit diesen Themen:

Wenn sich deine Vorstellung von Gott als “zu gut um wahr zu sein” anfühlt, bedeutet das einfach, dass du dich in die richtige Richtung bewegst.

Gregory A. Boyd

3 Comments

  • kingofsummer

    Wir müssen an diese Thematik ran… Ich denke wir leben in einer Zeit, in der man da einfach nicht drum herum kommt.

    Und es scheint geradezu revolutionär zu sein, was bei einer ehrlichen Auseinandersetzung herauskommt.

    Es sieht so aus als würde unser bisheriges Verständnis vieler alttestamentlicher Texte, oder Textpassagen geradezu auf den Kopf gesetellt werden. Ist diese Art des Verständnisses, der Deutung, Interpretation, Lesart eine , ‘wahrhaftige’? Hält sie “allen” Fragen die sich dann auftun – inclusive Theodizee (mit der ich hier auch einen Zusammenhang sehe) – stand?

    Wenn ja, wäre nicht die vielleicht naheliegenste Folge, ein schier fassungslose und doch ehrführtiges riesengroßes ‘WAS?’ auszsprechen und zunächst mal innehalten und sich all der “Konsequenzen” bewusst zu werden?

    … und müsste es das Alte Testament dann ich Zukunft (zumindest für “NIcht-Theologen”) nur noch mit entsprechenden Erklärungen geben… wie diese betimmten Texte zu verstehen seien?

    • bravesoul

      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

      Ich glaube wir Christen stehen vor einer grossen Herausforderung. Wie oft tun wir die Bergpredigt als illusorische, weltfremde Ethik ab, die in dieser Welt nicht umzusetzen sei? Selbst wenn wir an der Umsetzung scheitern – was durchaus wahrscheinlich ist – sollten wir es nicht verpassen, darin die Offenbarung des wahren Charakters Gottes zu sehen!

Kommentar erfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.