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Kann Gott auch nicht alles?

Kürzlich erschien das Buch “Gott kann auch nicht alles” von Jason Liesendahl. Das Buch gibt eine leicht verständliche Einführung in die Prozesstheologie. Da ich schon gelegentlich etwas von Prozesstheologie gehört hatte, aber mich noch nie eingehender damit beschäftigt habe, war das Buch für mich eine gute Gelegenheit einen Einstieg zu finden. Wer eine kleine Kostprobe haben möchte: In seinem Podcast “Schöner glauben” spricht Jason auch über sein Buch (z.B. hier und hier).

Ein göttliches Trilemma

Wie der Titel des Buchs bereits verrät, geht es in der Prozesstheologie um ein Hinterfragen der Allmacht Gottes. Der jüdische Philosoph Hans Jonas thematisierte in seinem Vortrag “Der Gottesbegriff nach Auschwitz” die Frage, wie man nach dem Holocaust noch an einen gütigen Gott glauben könne. Er argumentiert, dass Gott drei Eigenschaften zugeschrieben werden, die nicht kombiniert werden können: Allmacht, absolute Güte und Verstehbarkeit. Der Glaubende müsse sich also für zwei dieser drei Eigenschaften entscheiden. Je nach Wahl entstehen unterschiedliche Gottesbilder:

Der harte Gott ist ein zorniger Gott, der in seinem Zorn zwar verstehbar ist, der aber seinen Feinden gegenüber gnadenlose Härte zeigt. Das ist der Gott des Bannes und des Gerichts. Dieser Gott wirft seine Feinde in die Hölle. Dieser Gott nutzt Gewalt, um seine Ziele zu erreichen. Schreibt man Gott allerdings absolute Güte zu, sieht man sich mit dem Problem der Theodizee konfrontiert. Wie kann ein allmächtiger Gott der Liebe unschuldiges Leid zulassen? Wie kann ein solcher Gott den Holocaust tolerieren? Die Verstehbarkeit leidet. In der Prozesstheologie geht man den dritten Weg: Die einzige Möglichkeit, unschuldiges Leid und einen Gott der Liebe gleichzeitig zu denken, muss sein, dass Gott alles getan hat, was er konnte. Aber leider konnte er das Leid auch nicht verhindern.

Grosse Sympathie

Ich empfinde grosse Sympathie für dieses Gottesbild. Gottes Charakter der Liebe bestimmt sein Handeln. Gott respektiert den freien Willen der Menschen. Er arbeitet mit uns zusammen, indem er uns subtil zum Guten lockt. Er kann allerdings nur handeln, wenn wir uns überzeugen lassen.

Viele Artikel in meinem Blog zeichnen ebenfalls ein Bild von einem Gott der Liebe, der ohne Gewalt bzw. Zwangsmacht auskommt: Jesus Christus wird als Mitte der Schrift und beste Offenbarung Gottes gesehen. In der Feindesliebe Jesu sehen wir Gottes wahres Gesicht. Das hat Auswirkungen darauf, wie wir auf das Kreuz schauen, wie wir Geschichten eines alttestamentarischen Kriegsgottes lesen und wie wir uns den Ausgang der Offenbarung vorstellen. Da Gott gemäss Prozesstheologie auch die Natur zur Weiterentwicklung lockt, öffnet sich hier eine Tür für Intelligent Design, das in die Evolution integriert ist. Auch das Gebet ändert seinen Charakter. Es geht weniger darum, Gott unsere Wünsche mitzuteilen, als darum, uns für seine Gegenwart zu öffnen.

Also erstmal: eine grosse Leseempfehlung! Viele der erwähnten Themen werden im Buch diskutiert. Dennoch hatte ich beim Lesen auch einige Abwehrreflexe. Denen möchte ich im Folgenden nachgehen.

Mysteriöse Mystik

Als Möchtegern-Mystiker liegt mir natürlich das mysteriöse Gottesbild sehr nahe. Wohlgemerkt geht es mir dabei nicht darum, Widersprüche mit einem plumpen “das verstehen wir eben nicht” zu rechtfertigen, z.B., wenn der Vater Jesu im alten Testament Genozid befiehlt. Eine gute Theologie kann befreien. Sie kann Gott aber nicht im Letzten erklären. Mystiker aller Jahrhunderte verloren schon immer die Fähigkeit, das Erlebte angemessen in Worte zu fassen, sobald sie Gott wirklich begegneten.

Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe lässt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht.

Wolke des Nichtwissens

Das Leid

Ein Ziel der Prozesstheologie ist, Gott von der Verantwortung für das Leid auf der Welt freizusprechen. Das ist notwendig, weil es keinen Sinn und kein Ziel von Leiden gebe: “Wenn das von Gott zugefügte Leid im Leben der Menschen einen Lernprozess erzielen soll, sie [Gott] dann aber nicht sagt, was genau durch diese Lektion gelernt werden soll – warum dann das alles?” (S. 31). Was schliesslich zur Schlussfolgerung führt: “Aber es [das Leid] ist nutzlos. Es ist zu nichts gut. Es ist nicht gerechtfertigt oder notwendig. Es gibt keinen dahinter liegenden Plan.” (S. 33)

Niemand hat eine überzeugende Erklärung für den Sinn von unschuldigem Leiden, wie es z.B. in William P. Youngs “Die Hütte” thematisiert wird. Und ja, es gelingt mir nicht, “unter die Shoa einen Stempel mit der Aufschrift ‘richtig'” zu setzen.

Dennoch geht mir die Aussage, dass jegliches Leid zu nichts gut sei, zu weit. Es gibt Leid, das in jedem Leben angelegt ist: Das Leid von Übergängen, Abschieden, Machtlosigkeit, Kränkungen, Krankheit und letztlich Tod. Auch ein gutes, privilegiertes Leben ist durchzogen von schwierigen Zeiten. Das Leben an sich ist zuweilen eine Zumutung. Wieder sind es die Mystiker, die in solchem Leiden einen gewissen Sinn entdecken. Es ist das Feuer, welches die Reinigung des menschlichen Herzens bewirken kann. Mehr zu dieser mystischen Sicht auf das Leid gibt’s in diesem Artikel: Sterben um zu leben.

Wir sind auf Erden um erlöst zu werden. Die Sünde, das Dunkle in uns, trennt uns von Gott und von den Menschen. Erst wenn alles Finstere in uns aufgelöst ist, sind wir ganz in die ewige Liebe Gottes aufgenommen. Erst wenn diese dunkle Zone in uns durch Leiden erlöst wurde, können wir Gott schauen. Darin besteht das Ziel des irdischen Lebens.

Franz Jalics, über die Reinigung des Herzens im Feuer der Liebe Gottes, “Kontemplative Exerzitien”

Besonders eindrücklich sind in diesem Zusammenhang Biographien von Menschen, die dem grossen Leiden des Holocaust unmittelbar bevorstanden (Etty Hillesum) bzw. dieses sogar überlebt haben (Viktor E. Frankl) – und “trotzdem Ja zum Leben” sagen konnten:

Ich habe manchmal das Gefühl, als sässe ich in einem höllischen Fegefeuer und würde zu etwas geschmiedet. Zu was? Das ist wiederum etwas Passives, ich muss es mit mir geschehen lassen.

Etty Hillesum, Das denkende Herz

Der westliche Mensch empfindet das “Leiden” nicht als etwas zum Leben Gehöriges. Und deshalb kann er nie positive Kräfte aus dem Leiden schöpfen.

Etty Hillesum, Das denkende Herz

Für uns war das Leiden eine Aufgabe geworden, deren Sinnhaftigkeit wir uns nicht verschliessen wollten. Für uns hatte das Leiden seinen Leistungscharakter enthüllt – jenen Leistungscharakter, der einen Rilke bewogen hat, auszurufen: “Wieviel ist aufzuleiden!” Wie man von “aufarbeiten” spricht, so spricht hier Rilke von “aufleiden”…

Viktor E. Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen

Die Hoffnung

Der Ausgang von Gottes kreativem Prozess mit der Welt ist grundsätzlich offen. So offen, dass “auch ein Scheitern möglich ist.” (S. 139). Jason selbst scheint das Scheitern nicht nur für möglich, sondern gar für wahrscheinlich zu halten:

Wird Gottes Locken am Ende erfolgreich sein und den klebrigen Prozess der Heilung der Welt zu einem guten Ziel bringen? Ich finde das ehrlich gesagt unwahrscheinlich.

Jason Liesendahl, Gott kann auch nicht alles

Das ist starker Tobak! Wenn der Glaube an Gott nicht mehr die Hoffnung birgt, dass am Ende alles gut kommt – was soll dann das Ganze (1. Kor. 15,19)? Entsprechend hat die Prozesstheologie auch Mühe mit der Auferstehung. Einige Vertreter zweifeln ein Weiterleben nach dem Tod grundsätzlich an, wie etwa Charles Hartshorne, der die objektive Immortalität vertritt. Damit ist gemeint, dass wir nur noch als Erinnerung in Gott weiterexistieren werden. Die Erklärungsversuche, wie Gott einen toten Körper wieder ins Leben “locken” könnte, klingen entsprechend nach einem Murks. Hier bräuchte man wieder einen Gott, der souverän über Zeit und Materie herrscht.

Das ist auch der Punkt wo ich definitiv raus bin. An den zeitlichen Rändern unseres Lebens und unseres Universums brauche ich einen mächtigen Gott. Ich stelle mir diese Welt oft als Sandkasten vor, in dem gewisse Regeln gelten. Während wir hier leben, sind wir daran gebunden. Und ja, ich glaube Gott hat auch für sich selbstbeschränkende Sandkasten-Regeln aufgestellt. Etwa, dass er uns weitgehend gewähren lässt. Damit wir “unser Ding” machen können. Dass wir zeigen können, was dabei rauskommt, wenn wir selbst entscheiden, was gut und was böse ist. Im Sandkasten würde er somit auf seine Zwangsmacht verzichten und nur auf seine Überzeugungskraft setzen. Vielleicht dient diese Erde einfach unserer spirituellen Pubertät.

Während innerhalb des irdischen Sandkastens also tatsächlich so was wie ein kreativer göttlicher Prozess stattfinden könnte, kann ich mir den ausserhalb nicht vorstellen. Wie sollte Gott den Urknall aus dem Nichts herbeigelockt haben? Wer hätte den kreativen Prozess gestartet? Wer hat bei “Creatio ex profundis” (Schöpfung aus dem Chaos) das Chaos bewirkt? Diese Kraft scheint stärker zu sein als Gott, weil Gott nicht sicher zum Ziel kommen wird. Wenn es Gott selbst war: Inwiefern spricht ihn das dann von der Verantwortung für das Leid in der Welt frei? Einen chaotischen Prozess zu starten, den er nicht im Griff hat und der vielerlei Leid hervorbringt, ist kein bisschen besser als “nicht einzugreifen”.

Panpsychismus

Ein weiteres Thema, bei dem ich fremdle, ist die Überzeugung, dass Gott auch die Natur bis hin zu subatomaren Teilchen locken kann. Dieser Vorstellung liegt die Theorie des Panpsychismus und eines naturalistischen Theismus zugrunde. Also auch kleinste Teilchen sollen ein gewisses – wen auch kleines – Bewusstsein haben, das von Gott beeinflusst werden kann. Darum soll es auch Milliarden Jahre gedauert haben, um die Welt zu schaffen. Nun, ich bin da überzeugter Dualist. Für mich sind Leib und Seele nicht aus dem gleichen Stoff gewoben. Das Bewusstsein ist keine Eigenschaft unseres Gehirns. Mehr Details dazu gibt’s in diesem Artikel: Kann der Mensch Bewusstsein erschaffen?

Am Kreuz

Ein spannender Satz zum Kreuzes-Geschehen findet sich auf Seite 39: “Gott lässt sich auch durch die dunkelsten Bosheiten der Menschen nicht zur Gegengewalt verführen.” Da kann ich sehr gut mitgehen. Durch seine Gewaltlosigkeit am Kreuz offenbarte Jesus den wahren Charakter von Gottes Liebe. Mein grosses Aber: Der Verzicht auf Gegengewalt ist nur dann Liebe, wenn Jesus auch anders gekonnt hätte (Mt. 26, 53). Ansonsten wäre das kein wirklicher Verzicht. Dann wäre Jesus am Kreuz nur darum gestorben, weil das römische Reich eben stärker war. Das entspricht auch der Interpretation des Kreuzes in der Prozesstheologie: Gott habe alles getan, um den Tod Jesu zu verhindern, aber letztlich konnte er ihn nicht retten. (S. 39)

Fazit

Wie so oft bleibt der Ratschlag: Prüft alles und behaltet das Gute (1. Thess. 5,21). Ich kann Jasons Buch sehr empfehlen und kann bei vielem mitgehen – allerdings nicht bei allem. Ich kann mir den lockenden Gott sehr gut für die Dauer unserer irdischen Existenz vorstellen. Davor und danach aber zieht es mich zum mystischen Gott. Er lockt uns in Liebe, weil er sich selbst beschränkt und unseren freien Willen respektiert, nicht weil er ohnmächtig ist. Auch muss ich an ein Happy-End glauben können, sonst wäre ich “bedauernswerter als alle anderen Menschen.” (1. Kor. 15,19)

Image: Midjourney