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Evangelikal, postevangelikal oder ex-christlich?

Ein neuer Begriff macht die Runde: postevangelikal. Er umschreibt Christen, die zwar evangelikale Wurzeln haben, sich aber in gewissen Punkten von der gängigen evangelikalen Vorstellung distanziert haben.

Was treibt Postevangelikale um?

Postevangelikalen ist der Freiraum zum Denken wichtig. Sie lehnen die Anfragen moderner Bibelwissenschaften an die biblischen Texte nicht kategorisch ab. Oft finden sie andere Antworten auf grundlegende theologische Fragen, wie z.B. welche Bibelstellen wörtlich und welche metaphorisch zu verstehen sind, die Existenz einer ewigen Hölle, oder auch Themen der Sexualmoral. Kirchliche Strukturen verlieren für Postevangelikale an Gewicht, weil echte Spiritualität für sie nicht an eine Institution gebunden ist. Das erinnert an den “Schrei der Wildgänse” (Wayne Jacobsen, Dave Coleman) oder an “Indie-Christen”. Sie leben lieber mit Zweifeln und Spannungen als vorschnell schwarz-weisse Antworten zu akzeptieren. Hier eine Sammlung von Blogs und Podcasts, welche diese Themen weiter vertiefen:

Gegenwind und Streit

Evangelikale ihrerseits warnen vor postevangelikalen Gedanken, wie z.B. Markus Till in seinem Blog Aufatmen in Gottes Gegenwart oder auch Paul und Peter Bruderer in ihrem Blog Daniel Option. Markus Till greift z.B. Worthaus direkt an und warnt vor einem Abwärtsstrudel der Kirche, wenn solchen “liberalen” Gedanken Raum gegeben wird:

Siegfried Zimmer fühlte sich wiederum genötigt, auf diese Angriffe zu antworten: Hossa Talk #105 Siggi wehrt sich oder auf seiner Website.

Die Themen, die mich in den letzten Jahren beschäftigt haben und die Antworten, die ich gefunden habe, könnte man durchaus postevangelikal einordnen: Die Abwendung von einem strafenden Gottesbild, der Wunsch nach Wissenschaft und Glaube als Ergänzung und nicht als Widerspruch, ein nicht-fundamentalistisches Bibelverständnis und ein erwachtes Interesse an Mystik. Dennoch passt mir das Label “postevangelikal” nicht in allen Belangen. Mit einigen Referenten von Worthaus oder gewissen Sichtweisen stimme ich auch heute nicht überein. Die inhaltliche Auseinandersetzung zu umstrittenen Themen, wie sie aktuell passiert, finde ich dringend notwendig. Solange diese Debatte mit gegenseitigem Respekt geführt wird, schliesse ich mich gerne der Begeisterung von Markus Till an:

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich im Zuge der Debatten zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden!

Markus Till, “Zeit des Umbruchs: Wenn Christen ihre evangelikale Heimat verlassen”

Aber Gott prüft letztlich nicht, ob jemand die richtigen theologischen Dogmen glaubt. Ihn interessiert vor allem anderen unser Herz!

Gefahr oder Hilfe?

Die entscheidende Frage ist nicht einfach “postevangelikal oder evangelikal”. Für einige geht es eher um “postevangelikal oder ex-christlich”.

Was mich allerdings traurig macht: Evangelikale wittern in postevangelikalen Gedanken meist nur Gefahren, Abfall und liberale Beliebigkeit. Zwischen den Zeilen schwingt oft ein Vorwurf mit: Du bist untreu, du stellst den Individualismus über Gott, du machst es dir einfach.

Aber das greift zu kurz! Glaubensvorstellungen und Gottesbilder können zerbrechen. Für den Betroffenen können Leere, Schmerz und Angst die Folge sein. Die meisten Christen probieren nicht auf Geratewohl eine neue Denke aus, weil sie gerade lustig sind. So hatte auch ich keinen Spass daran, als ich vor einigen Jahren in eine Glaubenskrise geriet. Unter anderem dank Worthaus begann bei mir nach Jahren wieder ein geistliches Pflänzchen zu wachsen. Worthaus zeigte mir auf, dass man Dinge auch biblisch begründet anders sehen kann. Damit wurde einigen erstickenden Gedanken die Macht geraubt. Heute habe ich wieder eine grosse Leidenschaft für Gott. Ich bin Gott sehr dankbar für diesen neuen Glauben. Es war für mich lange fraglich, ob sich das wieder “einrenken” würde. Im Nachhinein ist für mich klar: Ich habe das nicht gesucht, es ist vielmehr mit mir geschehen.

Die entscheidende Frage ist nicht einfach “postevangelikal oder evangelikal”. Für einige geht es eher um “postevangelikal oder ex-christlich”. Und genau da sind Angebote wie Worthaus wichtig! Sie ermöglichen Christen, denen ein evangelikaler Denkrahmen zu eng geworden ist, an Gott dranzubleiben. Ich wünsche mir von Christen, dass sie mehr Verständnis für zweifelnde Geschwister aufbringen und nicht gleich vorwurfsvoll gegen Niedergang und Abfall anpredigen.

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