Ruhe bitte!

Ruhe bitte!

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Die Adventszeit soll besinnlich sein. Doch allzu oft ist sie genau das Gegenteil. Die Besinnlichkeit wird organisiert und inszeniert. Eine Aktivität jagt die andere. Dieser Blog möchte einige Anregungen geben, die helfen echte Ruhe wertzuschätzen und Stille zu finden. Nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr.

Stille ist scheu

Da kam ein Wind, groß und stark, der die Berge zerriss und die Felsen zerschmetterte vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht in dem Wind. Und nach dem Wind ein Erdbeben; der HERR aber war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben ein Feuer, der HERR aber war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer der Ton eines leisen Wehens. Und es geschah, als Elia das hörte, verhüllte er sein Gesicht mit seinem Mantel, ging hinaus und stellte sich in den Eingang der Höhle. Und siehe, eine Stimme geschah zu ihm: Was tust du hier, Elia?

1.Könige 19,11-13

Gott ist im leisen Wehen des Windes gegenwärtig und nicht im Lauten, Starken, Auffälligen. Damit wir dieses Wehen wahrnehmen können, müssen wir selbst still werden. Dies ist gar nicht so einfach, weil Stille zerbrechlich und scheu ist. Sie flieht, sobald Bewegung oder Lärm geschieht. Die Stille drängt sich nicht auf. Sie ist aber auch nicht einfach da, wenn die Aktivität nachlässt. Manchmal wird sie mit Langeweile verwechselt und darum gleich mit Ablenkungen weggefegt.

Echte Stille muss bewusst gesucht, geschützt und manchmal auch verteidigt werden! Eine gewisse Regelmässigkeit hilft dabei, Ablenkungen auszuschliessen.

Martha, Martha!

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte ihm zu. Martha hingegen machte sich viel Arbeit, um für das Wohl ihrer Gäste zu sorgen. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, findest du es richtig, dass meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!« – »Martha, Martha«, erwiderte der Herr, »du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe, aber notwendig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden.«

Lukas 10,38-42

Die Gegenwart Jesu zu suchen sollte unsere höchste Priorität sein. Dies gilt für uns persönlich, aber auch für Kirchgemeinden. Aufwändige Strukturen mit Teams und Subteams, gefüllte Programme, Perfektionismus, Workshops, Kurse, evangelistische Events, Hauskreise und Interessengruppen für jedes Alter führen zu einem grossen organisatorischen Fussabdruck. Viele Martha-Gemeinden definieren sich über einen gefüllten Terminkalender. Die Mitglieder müssen sich ranhalten und den Motor am Laufen halten. Statt dass die Kirche nebst Beruf und Familie zu einer Oase der Ruhe wird, tritt sie oft als weiterer Auftraggeber in Erscheinung. Die Zeit für dieses Engagement muss vom Feierabend, der persönlichen Zeit mit Gott und von der Familienzeit abgezwackt werden. Ein “Nein” ist hier besonders schwierig, da es schliesslich um himmlische Angelegenheiten geht! Nicht war, Martha?

Ohne mich könnt ihr nichts tun

Bleibt in mir, und ich werde in euch bleiben. Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht hervorbringen; sie muss am Weinstock bleiben. Genauso wenig könnt ihr Frucht hervorbringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun.

Johannes 15,4-5

Fehlt die Nähe zu Gott, so können wir nichts tun. Wir können unser Glück nicht organisieren. Friede kann nicht herbeigeschafft werden. Liebe kann nicht geplant werden. Unsere einzige Aufgabe ist, die Nähe Gottes zu suchen. Bleiben wir mit ihm verbunden, so folgt alles andere. Werden wir von seiner Liebe angezündet, so laufen wir los und tragen seinen Auftrag im Herzen. Wenn wir allerdings losrennen, ohne ihm nahe zu sein, dann verfolgen wir unsere eigenen Ziele.

Schätze im Himmel

Das Reich Gottes ist ein Schatz, der von der Zeit, der Vielfalt der Dinge und von unseren eigenen Aktivitäten und unserer begrenzten Natur verborgen worden ist. Je mehr wir uns aus dieser Vielfalt herausnehmen, desto mehr entdecken wir das Reich Gottes in uns.

Meister Eckhart

Wenn von Schätzen im Himmel die Rede ist (Matthäus 6,20), schwingt oft die Bedeutung eines himmlischen Bankkontos mit. Statt auf der Erde Reichtum und Ehre anzuhäufen, soll man dies doch im Himmel tun. Man kann damit Zeit und Kraft, die man hier für Gott investiert in eine himmlische Währung umrechnen lassen. In der himmlischen Bank gibt es keine Motten und Diebe und der Saldo wird beim Preisgericht ausgezahlt (2. Korinther 5, 10). Dieses Verständnis setzt uns unter Druck. Die Mitarbeit in der Gemeinde wird zur Pflicht, weil man schliesslich den Lohn im Preisgericht erhalten möchte. Wir laufen Gefahr, uns unsere Gerechtigkeit durch Werke verdienen zu wollen und die innere Ruhe rückt in weite Ferne.

Meister Eckhart spricht nicht von einem Bankkonto, sondern bezeichnet das Reich Gottes selbst als Schatz. Dieser Schatz ist in uns verborgen. Um ihn zu finden, müssen wir uns aus der Vielfalt der Aktivitäten herausnehmen. Müssen wir tatsächlich jederzeit up-to-date sein bezüglich des ganzen Weltgeschehens? Wie viel Zeit verbringen wir in sozialen Netzen oder mit Fernsehen? Könnte es auch ein Verein weniger sein? Ein Amt weniger? Eine Ablenkung weniger? Mit der Einfachheit kommt Ruhe. Mit der Ruhe entdecken wir, was in uns verborgen ist.

Warnung an die “ach so Aktiven”

Zum Schluss ein Wort von Johannes vom Kreuz. Es geht nicht darum, jeglicher Aktivität zu entsagen und in Passivität zu verfallen. Aber Aktivität soll aus der Ruhe heraus erfolgen. Ist der Kompass nicht auf Gott ausgerichtet, so verfehlen wir das Ziel. Jegliche Anstrengung und Erhöhung des Tempos sind sinnlos, wenn die Richtung nicht stimmt.

Wenn jemand etwas von jener tiefen Liebe zu Gott in sich trägt, die nach schweigender Zurückgezogenheit verlangt, dann würde man ihm und der Kirche grosses Unheil zufügen, wenn er auch nur für einen Augenblick zur “Aktivität” und zu auch noch so bedeutsamen Beschäftigungen genötigt würde. Gott selber beschwört uns ja, die Seele nicht aus solcher Liebesbegegnung aufzustören (Hohelied 2,7). Wer kann dies dann ungestraft wagen? Schliesslich sind wir doch für solche Liebe geschaffen worden!

Das sollten die ach so “Aktiven” bedenken, die mit ihrem Gepredige und ihrem ganzen äusserlichen Gewerkel der Welt zu dienen meinen. Sie sollten daran denken, dass sie der Kirche viel mehr nützten und Gott viel mehr Freude bereiteten, wenn sie wenigstens einen geringen Teil der dafür verwendeten Zeit betend mit Gott verbringen würden, selbst wenn ihr Gebet noch sehr armselig wäre. Der Zuwachs an geistiger Kraft, den sie darin geschenkt bekämen, würde sie befähigen, mit einer einzigen Aktion mehr und mit weniger Verausgabung ihrer Käfte zu bewirken als mit ihren tausend anderen. Was sie tun, heisst sich abplagen und doch so gut wie nichts, mitunter überhaupt nicht zustandezubringen, wenn nicht gar Schaden zu machen.

Gott bewahre uns davor, dass das Salz zu verderben beginnt. Was dann auch immer einer nach aussen hin zu leisten scheint – auf den Kern geschaut, wird es nichts sein. Denn die guten Werke werden nicht anders als aus der Kraft, die einem von Gott kommt, getan. Oh, wieviel liesse sich darüber schreiben!

Johannes vom Kreuz (Der Geistliche Gesang)

Eine Antwort

  1. Dirk
    | Antworten

    Besten Dank für diesen Blog – der mir wieder bewusst macht, wie hektisch diese Zeit vor Weihnachten ist und mich daran erinnert worum es wirklich geht!

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