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Die ewige Philosophie und das Christentum

In diesem Blog denke ich nach über “Die ewige Philosophie” von Aldous Huxley (ISBN 978-3-939570-33-2). Der Blog enthält viele Zitate aus dem Buch, für das ich die Kurzreferenz “EP” verwende.

Die ewige Philosophie (oder auch Philosophia perennis) ist ein Versuch, ewige Wahrheiten zu finden, die in allen Religionen zum Ausdruck kommen. Diese Wahrheiten können je nach Religion und Zeit unterschiedlich formuliert sein, sollen aber auf einem gemeinsamen ewigen Kern basieren. Thema dieser Wahrheiten ist Gott (oder etwas allgemeiner: der GEIST oder Spirit), der Mensch, und seine Beziehung zu Gott.

Aldous Huxley bietet in seinem Buch eine grosse Übersicht über religiöse Weisheiten der letzten 3000 Jahre. Er versucht darzulegen, wie ähnlich sich die Aussagen der verschiedenen Religionen sind. Dabei kommt es auch immer wieder zu Seitenhieben gegen das Christentum, welches durch “Überstülpungen” hinter den Standard der ewigen Philosophie zurückgefallen sei.

Es ist in der Tat erstaunlich, wie nahe sich die Heiligen der verschiedenen Zeiten und Religionen in ihren Aussagen kommen. Insbesondere die mystischen Strömungen der grossen Religionen finden eine breite gemeinsame Basis. Doch ist ein grosser gemeinsamer Nenner ein Beweis dafür, dass im Wesentlichen alle Religionen das Gleiche bewirken? Und was ist von den Vorwürfen gegen das Christentum zu halten?

Zusammenfassung der Philosophia perennis

Ken Wilber hat „die sieben wichtigsten Übereinstimmungen der immerwährenden Philosophie aller Zeiten, der allermeisten Kulturen, spirituellen Lehren, Philosophen und Länder“, folgendermassen zusammengefasst (Mut und Gnade, S.101):

  1. Der spirituelle GEIST (Gott, die höchste Wirklichkeit, das Eine, Brahman, Dharmakaya, Kether, Tao, Allah, Shiva, Jahweh, Manitu, […]) existiert.
  2. Er muss innen gesucht werden.
  3. Die meisten von uns erkennen diesen GEIST nicht, weil sie in einer Welt der Sünde, Trennung und Dualität leben, in einem Zustand der Gefallenheit und Illusion.
  4. Es gibt einen Ausweg aus Sünde und Illusion, einen Pfad zur Befreiung.
  5. Wenn wir diesem Pfad bis ans Ende folgen, finden wir Wiedergeburt oder Erleuchtung, eine direkte Erfahrung des inneren GEISTES, eine letzte Befreiung.
  6. Diese letzte Befreiung bedeutet das Ende von Sünde und Leiden.
  7. Sie mündet in mitfühlendes und erbarmendes Handeln für alle Lebewesen.

Diese sieben Punkte passen gut auf das Christentum, wenn man Gott “Jahwe”, das Problem “Sünde” und den Ausweg “Jesus Christus” nennt. Die Mystiker unter den Christen betonen das “innen suchen” besonders stark. Doch alle Christen sind sich einig, dass Gott nicht im “aussen”, in der Welt, im Materialismus zu finden ist. Erstaunlich, wie diese Struktur auf die meisten Religionen passt. Scheinbar ist Einigkeit durch simples Austauschen von drei Begriffen möglich. Doch ist es wirklich so einfach?

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Unser Ego

Alle Religionen sind sich einig: Der Mensch ist egoistisch und das ist schlecht. Das Ego befriedigt die tiefen Bedürfnisse nach Kontrolle, Sicherheit, Anerkennung und Genuss ohne auf Gott zu schauen. Daraus folgt allerlei Übel und Leid, sowie eine Trennung von Gott.

Die kanonischen Schriften des Christentums, des Hinduismus und des Buddhismus sowie der meisten anderen Haupt- und Nebenreligionen der Welt lehren alle mit unnachgiebiger Strenge die freiwillige Selbstverleugnung des Ego.

EP, S.128

Wenn du den Teufel noch nicht gesehen hast, schau dich selbst an.

Djalal ad-Din Rumi

Da der Mensch schlecht ist, ist Selbsterkenntnis ein geeignetes Mittel, das Ego zu enttarnen und schliesslich zu entthronen. Dies geht meist mit schmerzhaften Einsichten einher. Im Christentum führt diese Einsicht zur Busse und auf den Weg der Reinigung des Herzens.

Die unumgängliche Notwendigkeit der Selbsterkenntnis ist von den Heiligen und Gelehrten aller grossen religiösen Traditionen betont worden.

EP, S.205

Das ewige Selbst und der Urgrund

Der Buddhismus lehrt als einzige Religion, dass es sowas wie ein “ewiges Selbst” nicht gibt. Atman bezeichnet die ewige Essenz des (menschlichen) Geistes und wird oft als “Seele” übersetzt. Im Gegensatz dazu steht Brahman, die transzendente Realität, der ewige Urgrund oder auch “Gott”. Der Buddhismus lehrt, dass diese beiden Dinge letztlich dasselbe sind:

Weise ist, wer versteht, dass brahman und atman blosses Bewusstein und völlig identisch sind. Diese Identität wird in Hunderten heiliger Schriften deklariert….

Shankara, Viveka-Chudamani

Ihre Lehre (der Buddhisten) von annatta verneint die Existenz einer substanziellen Seele hinter dem Strom der Erfahrungen […] Hume und die Buddhisten geben eine ausreichend realistische Beschreibung des handelnden Selbst, aber sie erklären nicht, wie oder warum die Bündel (“Elemente der Persönlichkeit”) je zu Bündeln wurden. […] Anhand der anatta-Lehre eine plausible Antwort zu formulieren ist so schwierig, dass wir gezwungen sind, sie zugunsten der Vorstellung aufzugeben, dass es hinter dem Strom und in den Bündeln eine Art ständige Seele gibt, die die Erfahrung organisiert und sich dieser Erfahrung bedient. […] Das ist die Ansicht des orthodoxen Hinduismus, von dem das buddhistische Denken sich trennte, und ebenso fast des gesamten europäischen Denkens von den Vorgängern des Aristoteles bis heute.

EP, S.58

Auch im Christentum geht es darum, das Ich loszulassen. Im Unterschied zum Buddhismus wird damit aber nur das irdische, falsche Selbst (das Ego) losgelassen. Dieses Ich soll zugunsten des wahren Selbst sterben. Damit “nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir” (Galater 2,20). Durch diesen Prozess löst sich das Ich der Christen allerdings nicht einfach auf. Vielmehr finden sie ihre wahre von Gott gewollte Identität, weil das falsche Ich dem wahren Ich Platz macht.

Du kannst damit anfangen, dass du nach innen in dein eigenes Du schaust. Es ist ein Prozess, in dem “dein persönliches Selbst stirbt” – das Selbst in deinem Denken, Wollen, und Fühlen. Und am Ende kommst du zur Erkenntnis des Wahren Selbst, zum Königreich Gottes in dir.

EP, S.17

Auflösung des Dusagenkönnens

Auch Martin Buber hat sich mit den Unterschieden zwischen jüdisch-christlicher Mystik und Buddhismus befasst. Interessanterweise wird er von Huxley nicht zitiert, obwohl er sein Zeitgenosse war. Für Buber ist die Beziehung zwischen dem Ich und dem göttlichen Du entscheidend und das letzte Ziel. Da im Buddhismus die Unterscheidung zwischen einem ewigen Ich und dem göttlichen Du abgelehnt wird, entfällt auch die Wirklichkeit der Ich-Du Beziehung.

Als das Ziel bezeichnet Buddha die “Aufhebung des Leidens”, das ist des Werdens und Vergehens, die Erlösung aus dem Rad der Geburten. […] wüssten wir, dass es eine Wiederkehr gibt, wir würden keiner zu entrinnen suchen, und wohl nicht nach dem krassen Dasein, aber danach begehren, in jedem Dasein, in dessen Art und Sprache, das ewige Ich des Vergänglichen und das ewige Du des Unvergänglichen sprechen zu dürfen. Ob Buddha zum Ziel der Erlösung vom Wiederkehren führt, wissen wir nicht. Zu einem Zwischenziel führt er gewiss, dass auch uns angeht: zum Einswerden der Seele. Aber er führt dahin nicht bloss, wie es notwendig ist, abseits vom “Dickicht der Meinungen”, sondern auch vom “Trug der Gestaltungen” – der für uns kein Trug, vielmehr die zuverlässige Welt ist; auch sein Weg ist ein Absehen, und wenn er uns etwa der Vorgänge in unserem Körper innewerden heisst, meint er damit fast das Gegenteil unserer sinngewissen Leibeseinsicht. Und er führt das geeinte Wesen nicht weiter, zu jenem höchsten Dusagen, das ihm erschlossen ist. Seine Entscheidung im Innersten scheint auf die Aufhebung des Dusagenkönnens zu gehen.

Martin Buber, “Ich und Du”, S.97/98

Es gibt allerdings ein Zwischenziel, worin sich die östliche und westliche Meditation trifft: Die Sammlung oder – wie Buber es nennt – Das Einswerden der Seele. Der christliche Mystiker betrachtet diese Einheit als Ausgangspunkt und nicht als Ziel:

Das (Einswerden der Seele) ist der entscheidende Augenblick des Menschen. Ohne ihn ist er zum Werk des Geistes nicht tauglich. Mit ihm: es entscheidet sich in einem Innersten, ob dies Rüste oder Genüge bedeutet. Der Mensch kann, zur Einheit gesammelt, zur nun erst vollkommen geratenden Begegnung mit dem Geheimnis und Heil ausgehn. Er kann aber auch die Seligkeit der Sammlung auskosten und, ohne sich in die höchste Pflicht zu nehmen, in die Zerstreuung zurückkehren.

Martin Buber, “Ich und Du”, S.92

Und insofern diese Lehre (der Buddhismus) eine Anleitung zur Versenkung in das wahre Sein enthält, führt sie nicht in gelebte Wirklichkeit, sondern in die “Vernichtung”, in der kein Bewusstsein waltet…

Martin Buber, “Ich und Du”, S.94

Erlösung

Das Kreuz

Das Kreuz wird von den Weisen dieser Welt tatsächlich als eine Torheit aufgefasst (1. Korinther 1,23). Dafür ist in der Philosophia perennis kein Platz. Wenn wir den Ausweg (Schritt 4) in Jesus Christus sehen, entsteht also eine Divergenz.

Sind die vielen fantastischen und inkompatiblen Sühne- und Bussetheorien, die auf die christliche Lehre von der göttlichen Inkarnation aufgepfropft wurden, ein unentbehrlicher Bestandteil einer “gesunden Theologie”? Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der die Geschichte dieser Ideen untersucht hat, […] diese Frage überzeugend bejahen kann.

EP, S.77

Die Heiligung

Viele Christen bleiben allerdings mit der Botschaft des Kreuzes bei Schritt 4 “Es gibt einen Ausweg” stehen. Etwas überspitzt formuliert: Sie bekehren sich und ruhen sich dann aus. Dem Pfad “bis ans Ende folgen” (Schritt 5) bedeutet dann einfach bis zum Tod treu zu bleiben. Der Lohn der Sünde mag abgegolten sein, doch wie werden wir von unserem sündhaften Ich tatsächlich befreit, sodass wir effektiv nicht mehr sündigen? Wie kommen wir als Christen zu Schritt 6, dem “Ende von Sünden”? Auch Paulus kämpft damit: “Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will.” (Römer 7, 19). Was bedeutet es, der Heiligung nachzujagen, ohne die “niemand Gott sehen wird” (Hebräer 12,14)?

Die christlichen Mystiker beschreiben den Weg des inneren Gebets und der Kontemplation, welcher das Herz Gott zur Reinigung hinhält. Im Feuer seiner Liebe werden wir vom Bösen, das tief in unserem Herzen sitzt, gereinigt. Dieser Weg ist keinesfalls leicht. Er erfordert völlige Hingabe, führt zum Tod des Egos und lässt einen durch dunkle Nächte der Gottesferne gehen (vgl. Johannes vom Kreuz, “Die dunkle Nacht”). Bei diesem reinigenden Feuer der Liebe Gottes setzt auch die katholische Lehre des Fegefeuers an. Ich glaube, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise diesen Pfad beschreiten wird, ob im diesseitigen Leben oder im jenseitigen. Oder werden Christen mit dem Tod plötzlich zu Heiligen? Fällt etwa das egoistische Herz mit der irdischen Hülle einfach von uns ab? Wir alle werden im Weltgericht die ultimative Selbsterkenntnis haben. Im Schutz der Liebe Gottes wird alles Dunkle ans Licht kommen.

Auf der Notwendigkeit plötzlicher Bekehrung als des einzigen Wegs zur Befreiung zu bestehen ist so sinnvoll, wie auf der Notwendigkeit eines grossen Gesichts, schwerer Knochen und starker Muskeln zu bestehen. Wer für diese Form von emotionalem Wirbel anfällig ist, wird durch eine Lehre, die solche Formen von Bekehrung für notwendig hält, leicht Opfer einer für die weitere spirituelle Entwicklung verhängnisvollen Selbstzufriedenheit.

EP, S. 198

Die Befreiung, die jemand durch den Glauben an Amidas oder Jesu erlösende Kraft erwirbt, ist nicht die vollständige Befreiung, die in den Upanischaden, den buddhistischen Schriften und den Werken der christlichen Mystiker beschrieben ist. Sie ist nicht nur dem Grad, sondern auch der Art nach etwas anderes.

EP, S.261

Die Erkenntnis

Die östlichen Religionen suchen durch wahre Erkenntnis Erleuchtung. Während diese Erkenntnis im Hinayana-Buddhismus einzig auf persönlicher Leistung beruht, gibt es im Mahayana-Buddhismus ein Element der Gnade. Aber welcher Art ist diese Gnade? Wohl eher die Gnade des Erleuchteten, den Suchenden den Weg zu zeigen. Es ist kein geschenktes Erlösungswerk im christlichen Sinne.

Es gibt Geschichtswerke über den Buddhismus, die eingehend die Entwicklung dieser Religion von Hinayana mit seiner Lehre von der Erlösung als Ergebnis anstrengender Selbsthilfe bis zum Mahayana nachzeichnen, nach dessen Lehre die Befreiung nicht ohne die Gnade des Ursprünglichen Buddhas möglich ist, dessen inneres Bewusstsein und “grosses mitfühlendes Herz” identisch mit der ewigen “Soheit” der Dinge sind.

EP, S.222

Im Buddhismus steht zuletzt die Erkenntnis, dass man Gott gleich ist (atman und brahman sind identisch). Die Illusion eines getrennten Selbst wird hinterschaut und als Lüge entlarvt. Die Idee von der Erlösung durch Erkenntnis erinnert Christen an die Schlange im Garten Eden. Wer vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen isst, soll Gott gleich werden (1. Mose, 3, 4-5). Im Judentum und Christentum ist das Streben nach göttlicher Erkenntnis also nicht etwa ein edles Ziel sondern eine verhängnisvolle Versuchung. Die gesamte Bibel handelt davon, wie Gott den Menschen wieder aus diesem Schlamassel befreit (vgl. “Mystik: Jesus und Buddha” von Johannes Hartl).

Nur wenn mit Erkennen das mystische Erfassen Gottes als Du mittels der Liebe gemeint ist, kann der Christ sagen, dass die Erkenntnis Gottes seine Rettung ist. Dieses Erkennen setzt aber Vertrauen und die Hingabe an seinen Willen voraus. Ein so Erkennender versteckt sich nicht, wenn Gott ruft “Adam, wo bist du?”, sondern eilt voller Freude zu ihm hin (1. Mose 3, 8-10).

Kritik am Christentum

Huxley hätte sich wohl selbst nicht als Christ oder Buddhist bezeichnet, sondern eben als “ewigen Philosophen”. Er gibt aber den christlichen Texten viel Raum in seinem Buch. Insbesondere William Law, ein britischer Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, scheint es ihm angetan zu haben. Dennoch kriegt man beim Lesen das Gefühl, dass er einige offene Rechnungen mit dem Christentum begleichen wollte.

Versuchung der Macht

Huxley weist mehrfach auf die problematische Verbindung von Religion mit Staaten oder mächtigen Institutionen, wie z.B. der katholischen Kirche im Mittelalter, hin. Gerade dem Christentum macht er hier Vorwürfe. Andere Religionen hätten sich diesbezüglich besser geschlagen:

Sinnlose fanatische Lehren, die die quasi göttliche Natur souveräner Staaten und ihrer Herrscher proklamieren, haben östliche und westliche Völker in zahllose Kriege gestürzt. Da die östlichen Völker jedoch nie an eine ausschliessliche, einmalige Offenbarung oder an die quasi göttliche Natur einer kirchlichen Organisation geglaubt haben, konnten sie sich erstaunlich gut von dem Massenmorden im Namen der Religion fernhalten, das im Christentum so oft und entsetzlich gewütet hat.

EP, S. 73

Als der Lärm (Kontroversen des 16. und 17. Jahrhunderts) sich endlich legte, war das Christentum fast erledigt. […] Die wirkliche Religion der meisten gebildeten Europäer war jetzt der Nationalismus.

EP, S. 180

Huxley schrieb sein Buch 1944 nach zwei Weltkriegen im christlichen Europa. Heute sind die verheerenden Auswirkungen eines fanatischen Glaubens an einen göttlichen Staat vor allem bei islamistischen Terrorgruppen zu beobachten.

Überbewertung der Geschichte

Braucht eine reife Religion eine Basis in der Geschichte oder ist eine spiritualisierte, universalisierte Religion zu bevorzugen? Huxley bevorzugt ganz klar eine “geschichtslose” Religion. Religion soll sich um die ewigen Angelegenheiten kümmern. Die irdische Welt ist sowieso eine Illusion. Warum sich also streiten und gegenseitig die Köpfe einschlagen, um in vergänglichen Dingen Recht zu behalten? Wiederum sieht er hier die östlichen Religionen im Vorteil.

Trotz aller Mystik ist das Christentum eine Religion geblieben, in der die reine Philosophia perennis mehr oder weniger von der Beschäftigung mit historischen Fakten verdängt wurde, die man nicht als lediglich nützliche Mittel betrachtete, sondern als heilige Zwecke, die man vergötterte.

EP, 74

Wir […] stellen fest, dass die Religionen, die sich am wenigsten um die Geschehnisse in der Zeit und am meisten um die Ewigkeit drehen, in der politischen Praxis folgerichtig am gewaltlosesten und menschlichsten waren. Im Gegensatz zum frühen Judentum, Christentum und Islam haben der Hinduismus und der Buddhismus nie zu Verfolgungen geneigt, sie haben kaum je heilige Kriege gepredigt und sich auch des proselytenmachenden, religiösen Imperialismus enthalten…

EP, S.245

Der Weltfriede kann gemäss Huxley erst erreicht werden, wenn alle Völker die Philosophia perennis anerkennen. Einerseits gibt es dann keine Konflikte mehr zwischen unterschiedlichen Religionen und andererseits werden die Menschen unter dem Einfluss der ewigen Philosophie zu besseren Menschen. Die Welt soll sich also auf den grössten gemeinsamen Nenner aller Religionen einigen und gut ist. Alles was darüber hinaus geht, d.h. “übergestülpt” wurde, soll aufgegeben werden:

Die Herrschaft der Gewalt wird erst enden, wenn die meisten Menschen erstens dieselbe echte Lebensphilosophie anerkennen, wenn sie zweitens diese Philosophia perennis als das Wichtigste anerkennen, das alle Weltreligionen gemeinsam haben, wenn sie drittens ihre rein weltliche Philosophie aufgeben, die der Philosophia perennis in ihrer eigenen Religion übergestülpt wurde, und wenn sie viertens in der ganzen Welt die Pseudoreligionen der Politik ablehnen, die das Glück der Menschheit in die Zukunft verlegen und deshalb jedes Verbrechen als Mittel zum Zweck gutheissen.

EP, S.252

Ich bezweifle, dass Geschichtsvergessenheit dem Weltfrieden dienlich wäre. Das Judentum hält die Tradition und Erinnerung bewusst hoch (z.B. 5. Mose 9,7). Diverse Feste erinnern an die Taten Jahwes, wie z.B. das Pessachfest an die Befreiung der Israeliten aus Ägypten. Jahwe hat sich ein Volk auserwählt, damit sein Handeln auch geschichtlich sichtbar wird. Prophetie ist ohne geschichtliche Dimension sinnlos. Ist z.B. die Gründung des Staates Israel 1948 reiner Zufall? Das Christentum basiert auf dem Judentum und zeichnet eine Heils-Geschichte vom Sündenfall über die Geschichte Israels zu Jesus Christus bis in die letzten Tage der Offenbarung hinein. Jesus hat uns zur Wachsamkeit ermahnt (z.B. Markus 13, 35-37). Ich bin überzeugt, dass Gott einen Plan mit dieser Welt hat, den er über die Jahrtausende verfolgt.

Huxleys Ideal einer spiritualisierten, vom Weltgeschehen abgehobenen Religiosität greift meiner Meinung nach zu kurz. Sie macht blind für die Heilsgeschichte Gottes. Natürlich hat Huxley damit recht, dass sich Religion nicht mit weltlichen Machtansprüchen verbinden sollte. Jesu Reich ist nicht von dieser Welt.

Theologie als Götze

Schwatze nicht, denn was du von Gott sagst, ist nicht wahr.

Meister Eckhart

Es ist schon paradox: Wir schreiben dicke Bücher (und lange Blogs) über Gott, obwohl uns eigentlich die Worte dazu fehlen. Der Verstand taugt nicht zur Erfassung Gottes, dazu braucht es Liebe. Worte, Dogmen und Regeln sind der Versuch, einen raum- und zeitlosen Gott in ein lineares, logisches System zu pressen. Die Menschen möchten Gott in der Tasche haben, Aussagen über ihn machen können und ihn damit kontrollieren.

Niemand hat bisher eine spirituelle Rechenmethode gefunden, die uns erlauben würde, logisch über den göttlichen Urgrund und über die Welt als seine Manifestation zu sprechen.
[…] Es ist ein paradoxes Wissen und muss es aufgrund der Natur unserer Sprache und unserer gewöhnlichen Denkmuster auch sein. Die unmittelbare Erkenntnis des Urgrunds kommt nur durch die Vereinigung mit ihm zustande.

EP, S.53/54

Schon Paulus wollte nicht durch Rhetorik, sondern durch die Kraft Gottes überzeugen (1. Korinther 2,4). Dennoch hat sich das Christentum weitgehend zu einer intellektuellen Religion entwickelt, die sich von der spirituellen Erfahrung Gottes entfernt hat. Die Reformation legte das Hauptaugenmerk auf die Schrift (sola scriptura). Im Kampf gegen die Aufklärung hat sich die Theologie der wissenschaftlichen Methodik bedient, um ihre Schätze zu verteidigen. Übrig blieben geistlose Glaubenssysteme.

Gute Theologie ist zweifellos wichtig. Aber sie ist kein Selbstzweck und muss mit der Erfahrung ausbalanciert sein. Wir sollten den Wegweiser nicht mit dem Ziel verwechseln. Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Schrift selbst zum Götzen wird? Im fundamentalistischen Bibelverständnis stehen die Texte der biblischen Bücher mit Gott auf der gleichen Autoritätsstufe. Ist das gerechtfertigt?

Es möge hier genügen, auf eine der bittersten Ironien der Geschichte hinzuweisen. Für die Christen der Evangelien schienen die Rechtsgelehrten weiter vom Himmelreich entfernt, der sprituellen Wirklichkeit gegenüber hoffnungsloser verschlossen als fast alle anderen Gruppen von Menschen, die Reichen ausgenommen. Aber die christliche Theologie – und besonders die der westlichen Kirchen – war das Produkt von Denkern, die vom Geist des jüdischen und römischen Gesetzes durchdrungen waren.

EP, S.77

Die Wörter, mit denen die Theologie die religiöse Erfahrung mehr oder weniger befriedigend zu erklären sucht, sind zu ernst genommen worden. Diese Hochachtung gebührt nur der Wirklichkeit, die sie beschreiben sollen. Es hat sich immer wieder der Wahn verbreitet, Seelen würden erlöst, wenn sie die lokal geltende Formel akzeptierten, und verdammt, wenn sie sie nicht akzeptierten.

EP, S.172

Das christliche an der christlichen Mystik

Insbesondere die Mystiker der verschiedenen Religionen stimmen gut mit der ewigen Philosophie überein. Sie sind sich untereinander erstaunlich nahe, zum Teil wohl sogar näher als ihrer jeweiligen Basisreligion. Johannes Hartl gibt im ersten Teil seiner Mystik-Reihe einen guten Überblick über die verschiedenen Richtungen: “Mystik: Fünf Wege” (verfügbar auch auf YouTube).

Dennoch gibt es für christliche Mystik einige unverhandelbare Eckpunkte. Werden diese verlassen, würde ich das Resultat nicht mehr christlich nennen. Für Christen ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6). Diese Wahrheit ist objektiv und absolut, auch wenn sie nicht eine rationale, logische, in Worte zu fassende Wahrheit ist, sondern eine personhafte. Er ist der Logos (Johannes 1, 1-3), nicht eine Sammlung richtiger Dogmen. Diese Wahrheit wird nicht gewusst, sondern erfahren. Diese Wahrheit wird nicht studiert, sondern man lebt in Beziehung dazu.

i) Wir sind nicht Gott

Wir sind Gottes Kinder. Wir sind sein Abbild. Wir haben einen göttlichen Funken in uns. Wir können uns mit ihm vereinigen, aber unser Selbst löst sich nicht auf.

Gott ist auch keine anonyme Energie oder der “Kosmos”. Er ist eine Person. Mit Martin Buber gesprochen: Wir haben eine Ich-Du Beziehung zu Gott, keine Ich-Es Beziehung. Wir üben Hingabe an Gott statt Auflösung des Ichs.

ii) Wir erlösen uns nicht selbst

Wir werden durch Gottes souveränes Handeln und seine Gnade erlöst. Wir können uns nicht selbst erlösen.

  1. Schuld: Wir können unsere Schuld nicht selbst aus der Welt schaffen. 
  2. Heiligung: Indem wir Gott betrachten wird unser Wesen umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden. (2. Korinther 3, 18). Diese Umgestaltung ist das Werk Gottes, nicht des Menschen.

Das Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus hat für die ganze Welt Bedeutung. Er ist nicht einfach eine weitere Inkarnation des Göttlichen, wie es vor und nach ihm auch andere gab. Nur er hat das Erlösungswerk getan, durch das alle Gnade erhalten. Jesus ist nicht austauschbar durch Buddha, Mohammed oder Krishna.

iii) Das höchste Ziel ist Liebe

Gott ist Liebe (1. Johannes 4,8). Jesus lehrt Liebe und lebt sie vor. Die Liebe zu Gott und den Mitmenschen ist das höchste Gebot (Markus 12,29-31). Das höchste Ziel ist nicht, eine gute Zeit im Himmel zu haben. Das höchste Ziel ist nicht, dem Leid zu entrinnen. Das höchste Ziel ist die Liebe.

Gott atmet uns in der Kontemplation ein und wir müssen dann ganz in Ihm aufgehen. Später atmet der Spirit oder Atem Gottes uns wieder aus, damit wir lieben und Gutes tun.

Jan van Ruysbroeck

Zusammenfassung

Die ewige Philosophie beschreibt den grossen gemeinsamen Nenner der Weltreligionen. Mit den richtigen Begriffen parametrisiert, passt sie auch erstaunlich gut auf das Christentum. Insbesondere die mystischen Richtungen stimmen gut mit den sieben Punkten der Philosophia perennis überein. Dennoch gibt es einige wichtige Unterschiede. Aus christlicher Sicht muss betont werden: Der Mensch ist nicht Gott und er kann sich nicht selbst erlösen. Das Ziel der geschenkten Erlösung ist Liebe zu Gott und den Mitmenschen.

Huxley übt in seinem Buch auch Kritik am Christentum, die ich nicht in allen Punkten teile. Mit ihm einig bin ich darin, dass die Verbindung mit weltlicher Macht und die Überbetonung der wissenschaftlichen Theologie für das Christentum nicht von Vorteil war und ist. Ebenfalls sollten Christen sich nicht in spiritueller Selbstzufriedenheit ausruhen. Gott möchte mit uns auf dem Pfad der Heiligung vorankommen. Unser Anteil daran ist, Gott zu suchen und in seine Gegenwart zu kommen.

One Comment

  • Manfred Reichelt

    Der Blog insgesamt ist sehr interessant und bemüht sich um ehrliche Antworten auf tiefe Menschheitsfragen.
    Ich will jetzt nicht speziell auf einige Aussagen eingehen, mit denen ich (bei großer Übereinstimmung) NICHT übereinstimme. Deshalb verweise ich als Anregung auf meine Blogartikel, in denen ich zum Ausdruck bringe, dass der Mensch in Wahrheit EINS mit Gott ist:
    https://manfredreichelt.wordpress.com/

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