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Die Wissenschaft Gottes

Glaube und Wissenschaft befinden sich für Gerald L. Schroeder nicht im Widerspruch. In seinem Buch “The Science of God – The Convergence of Scientific and Biblical Wisdom” beschreibt er seine Weltsicht, in welcher Wissenschaft und biblische Weisheit zusammenfinden. Zwei Themen daraus möchte ich in diesem Artikel näher betrachten: das Alter des Universums und den Ursprung der Menschheit.

15 Milliarden Jahre oder 6 Tage?

Bekanntlich beschreibt die biblische Genesis die Schöpfung der Welt in 6 Tagen. Versteht man die biblische Chronologie wörtlich und lückenlos, so sind seit Adam ca. 6’000 Jahren vergangen. Die Wissenschaft rechnet mit einem Alter des Universums von ca. 15 Milliarden Jahren und einem Alter unserer Erde von ca. 4.5 Milliarden Jahren. Das sind alles andere als geringfügige Differenzen. “Nun, Dr. Schroeder, was ist wahr? 15 Mia. Jahre oder 6 Tage?”.

“Das ‘oder’ ist das Problem!”, würde Dr. Schroeder antworten. Es ist nicht ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Beide Alter sind gleichzeitig wahr. Es kommt darauf an mit wessen Uhr wir messen. Messen wir mit unserer menschlichen Uhr, von heute aus zurückblickend, kommen wir auf 15 Mia. Jahre für das Alter des Universums. Messen wir allerdings mit der Uhr Gottes, welcher beim Urknall dabei war und schauen voraus in der Zeit, so wären seit dem Beginn erst 6 Tage vergangen. “Tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag!” (2. Petrus 3,8), schreibt Petrus und untertreibt damit noch heftig. Doch Schroeder spricht nicht von symbolischen, poetischen Tagen. Er meint tatsächlich die physikalisch messbare Zeit.

Zeit ist relativ

Albert Einsteins Relativitätstheorie hat die Sicht der Physik auf Raum und Zeit erschüttert. Bis ins 20. Jahrhundert wurden diese grundlegenden Dimensionen als unveränderlich verstanden. Doch selbst die Zeit ist relativ, abhängig davon aus welchem Bezugssystem heraus man sie betrachtet. Der Fluss der Zeit verändert sich

  • bei hoher Geschwindigkeit (nahe an der Lichtgeschwindigkeit)
  • durch starke Gravitation (eine Krümmung der Raumzeit)
  • mit der Expansion des Universums

Das Universum expandiert

Schroeder basiert seine Beobachtungen unterschiedlicher Zeitabläufe auf der Expansion des Universums. Als universale Uhr zieht er die Hintergrundstrahlung des Universums (CMBR) heran, welche 1965 entdeckt wurde. Diese kosmische Hintergrundstrahlung besteht aus elektromagnetischen Wellen, die beim Urknall entstanden. Sie sind sozusagen ein “Echo” des Urknalls. Durch die Ausdehnung des Raums seit dem Urknall wird die Wellenlänge dieser Strahlung gestreckt. Das heisst, die Zeit zwischen zwei Wellenbergen nimmt stetig zu. Die Tick-Tacks der kosmischen Uhr folgen in immer längeren Abständen, die Zeit verlangsamt sich.

Stellen wir uns zur Veranschaulichung ein konkreteres Beispiel vor: Adam und Eva sitzen je auf einer eigenen Insel im Meer. Adam vermisst Eva und schreibt ihr jeden Tag um die gleiche Zeit einen Brief. Eine Brieftaube braucht immer genau 2 Tage für die Strecke zwischen den Inseln. Eva erhält also nach einer anfänglichen Wartezeit täglich einen Brief.

Nun stellen wir uns vor, Adams Insel würde sich nach dem Versand des 3. Briefes zu bewegen beginnen. Sie würde sich aufgrund von plattentektonischen Vorgängen von Evas Insel wegbewegen, ohne dass die beiden das merken. Und zwar bewegt sich die Insel so schnell weg, dass die Tauben nach jedem Tag einen halben Tag länger brauchen für die Strecke zwischen den Inseln. Nach einem Tag sind sie also 2.5 Tage unterwegs, nach zwei Tagen fliegen sie bereits drei Tage usw. Eva misst zwischen dem Erhalt zweier Briefe nun nicht mehr einen Tag, sondern eineinhalb Tage. Dasselbe gilt für die weiteren Briefe:

BriefAbgeschickt von AdamReisedauerAnkunft bei EvaZeit seit letztem Brief
1Tag 1 – 15 Uhr2.0 TageTag 3 – 15 Uhr
2Tag 2 – 15 Uhr2.0 TageTag 4 – 15 Uhr1 Tag
3Tag 3 – 15 Uhr2.0 TageTag 5 – 15 Uhr1 Tag
4Tag 4 – 15 Uhr2.5 TageTag 7 – 03 Uhr1.5 Tage
5Tag 5 – 15 Uhr3.0 TageTag 8 – 15 Uhr1.5 Tage
6Tag 6 – 15 Uhr3.5 TageTag 10 – 03 Uhr1.5 Tage
Adam und Eva sind sich nicht einig. Wie oft schreibt Adam einen Brief?

Eva ist ab Tag 7 nicht mehr einverstanden mit der Aussage, dass ihr Adam täglich einen Brief schreibt. Für sie sind es nur noch 2 Briefe in 3 Tagen. Dennoch schreibt Adam aus seiner Sicht täglich einen Brief. Die Tage bei Adam vergehen aus Sicht Evas “langsamer”. Es passen nur noch 2 Adam-Tage in 3 Eva-Tage. Genau dasselbe passiert mit der kosmischen Hintergrundstrahlung bei der Expansion des Universums. Die Wellenberge der Strahlung entsprechen Adams Briefen. Der Abstand mit dem sie bei uns eintreffen ist wesentlich grösser als der Abstand mit dem sie bei der Quelle (dem Urknall) losgeschickt wurden.

Die Verankerung der Zeit

Aber wann beginnt Gottes Uhr zu laufen? Gemäss dem Talmud und dem Kabbalisten Nachmanides müsste das Wort “bohu” aus dem Tohuwabohu in Genesis 1,2 am treffendsten als “die Bausteine der Materie” übersetzt werden. Statt “Die Erde war wüst und leer” würde der Vers dann lauten: “Die Erde war im Zustand des Chaos, aber gefüllt mit den Bausteinen der Materie.” Deshalb setzt Schroeder den Referenzpunkt für die göttliche Uhr beim sogenannten “Quark Confinement” an, einem Zeitpunkt 0.00001 Sekunden nach dem Urknall. Zu diesem Zeitpunkt waren die Bedingungen dafür gegeben, dass sich aus purer Energie Materie in Form von Quarks bilden konnte. Quarks gelten als die elementarsten Bausteine der Materie. Aus Quarks werden Elementarteilchen wie Protonen und Neutronen gebildet, aus welchen wiederum Atome entstehen. Die Zeit des materiellen Universums beginnt also bei “bohu” in Genesis 1,2. Rechnet man nun aus, wie stark diese Zeit bis heute gedehnt wurde, so kommt man auf einen schwindelerregend hohen Faktor von einer Billion (1012)! Das heisst, eine Sekunde in Gottes Zeit entspricht einer Billion Sekunden in unserer Zeit. 15 Milliarden Jahre in unserer Zeit entsprechen ca. 6 Tagen in Gottes Zeit!

The Bible’s clock before Adam is not a clock tied to any location. It is a clock that looks forward in time from the creation, encompassing the entire universe, a universal clock tuned to the cosmic radiation at the moment when matter is formed. That cosmic timepiece, as observed today, ticks a million million times more slowly than at its inception.

Gerald Schroeder, “The Science of God” (S. 60)

Eine gemeinsame Sicht

Die folgende Tabelle zeigt eine gemeinsame Sicht auf die Ereignisse bei der Schöpfung. In der ersten Spalte steht der Schöpfungstag nach Gottes Zeitskala. Die Spalten “Start” und “Ende” markieren dabei die Grenzen dieser Tage, wie sie in unserer Zeit, d.h. der geologischen Zeitskala, gemessen werden. Die Zeitangaben sind dabei in “Jahren vor heute” angegeben. Zu jedem Tag ist die biblische und die wissenschaftliche Beschreibung der jeweiligen Vorgänge zusammengefasst:

TagStartEndeBiblische BeschreibungWissenschaftliche Beschreibung
Eins15.75 Mia.7.75 Mia.Die Schöpfung des Universums. Licht trennt sich von der Dunkelheit.
Genesis 1, 1-5
Der Urknall. Licht bricht hervor als sich Elektronen an Atomkerne binden. Galaxien formen sich.
Zwei7.75 Mia.3.75 Mia.Das himmlische Firmament bildet sich.
Genesis 1, 6-8
Die Scheibe der Milchstrasse und unsere Sonne formen sich.
Drei7.75 Mia.1.75 Mia.Ozeane und und trockenes Land erscheinen. Das erste pflanzliche Leben erscheint (Genesis 1, 9-13). Gemäss Kabbalah war dies lediglich der Start des pflanzlichen Lebens, welches sich in den nächsten Tagen weiterentwickelte.Die Erde hat sich abgekühlt. Grosse Mengen Wasser erschienen vor 3.8 Mia. Jahren. Sofort danach folgen erste Lebensformen: Bakterien und photosynthetische Algen.
Vier1.75 Mia.750 Mio.Sonne, Mond und Sterne erscheinen am Himmel (Talmud Hagigah 12a).
Genesis 1, 14-19
Die Atmosphäre der Erde wird transparent, was den Blick auf Sonne, Mond und Sterne freigibt. Aufgrund der Photosynthese reichert sich die Atmosphäre mit Sauerstoff an.
Fünf750 Mio.250 Mio.Die Wasser wimmeln vor Leben. Es folgen Reptilien und fliegende Tiere.
Genesis 1, 20-23
Mehrzellige Lebewesen, Insekten erscheinen. Baupläne der meisten 34 Stämme von Lebewesen (Phyla) erscheinen “plötzlich” in der kambrischen Explosion (vor ca. 530 Mio. J.)
Sechs250 Mio.ca. 6000Landtiere, Säugetiere, die Menschheit
Genesis 1, 24-31
Massives Aussterben vor 250 Mio. Jahren zerstört 90% allen Lebens. Das Land wird zurückerobert. Hominiden und dann Menschen erscheinen.
Die sechs Tage der Genesis nach Gerald Schroeder (S. 70). Zeitangaben sind in “Jahren vor heute” angegeben.

Die Übereinstimmung zwischen biblischer und wissenschaftlicher Sicht ist tatsächlich beeindruckend. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Genesis vor mehreren Tausend Jahren geschrieben wurde und die Autoren nichts von den Entdeckungen der modernen Wissenschaften (Evolutionstheorie, Astrophysik) wissen konnten. Nur schon die Aussage, dass es überhaupt einen Anfang gab, ist eine wesentliche Übereinstimmung. Seit Aristoteles (vor ca. 2300 Jahren) war die Wissenschaft mehrheitlich der Überzeugung, dass das Universum “ewig” sei. Ein Universum mit einem Anfang hätte Tür und Tor für theologische Überlegungen geöffnet. Doch seit der Urknalltheorie ist diese Sicht auch bei Wissenschaftlern etabliert. Man könnte sagen, dass die Wissenschaft nach gut 2000 Jahren des Widerspruchs heute erstmals mit der biblischen Weisheit eines Anfangs übereinstimmt.

The discoveries of science have brought forth the measurable indication that our world has an aspect that exceeds the materialistic.

Gerald Schroeder

Schroeder anerkennt zwar die Evolutionstheorie, aber nicht die Makroevolution. Der Zufall reicht seiner Ansicht nach nicht aus, um die grossen Sprünge in den Fossilien, z.B. während der kambrischen Explosion, zu erklären. Ein wesentlicher Teil seines Buches beschäftigt sich mit Modellrechnungen, welche die Unwahrscheinlichkeit der Feinabstimmung unseres Universums, der Entstehung des ersten Lebens und der Entwicklung der Arten zeigen sollen. Souveräne Schöpfungsakte Gottes erweitern den Rahmen des Lebens, innerhalb dessen es sich weiterentwickeln kann. Schroeder vertritt damit den Standpunkt von Intelligent Design. Mehr dazu gibt’s in meinem Artikel zu Ursprungsfragen.

Einige Punkte in Schroeders Darstellung sind allerdings nicht ganz so klar. Beispielsweise schafft Gott gemäss Genesis am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne. An Tag drei ist bereits von Leben auf der Erde die Rede. Die Sonne hat sich aber vor der Erde gebildet. Schroeder erwähnt hier eine Interpretation aus dem Talmud: Die Sonne sei erst viel später von der Erde aus sichtbar geworden. Zuvor sei die Atmosphäre nicht transparent gewesen. Auch die abgeschlossene Erschaffung der Pflanzen an Tag 3 würde nicht mit den wissenschaftlichen Daten übereinstimmen. Landpflanzen erscheinen erst vor ca. 400 Mio. Jahren und blühende Pflanzen sowie Bäume sogar erst vor 120 Mio. Jahren. Gemäss dem Genesis-Kommentar von Nachmanides ist mit der Formulierung im Urtext aber lediglich der Beginn der pflanzlichen Entwicklung gemeint, die sich über die weiteren Tage erstreckte.

Die Schöpfung des Menschen

Die sechs Schöpfungstage in der Zeitskala Gottes finden ihr Ende bei Adam. Ab da berichtet die Bibel gemäss Schroeder in der Zeit der Menschen. Wenn danach von Tagen und Jahren die Rede ist, dann sind es Tage und Jahre, wie wir sie heute erfahren.

Wo wir gerade bei Adam sind… Nebst der Entstehung des Universums ist die Menschheitsgeschichte ein weiteres Minenfeld für den Dialog zwischen Wissenschaft und biblischer Weisheit. Auch hier interpretiert Schroeder die zwei Perspektiven als komplementär und nicht als widersprüchlich. Wieder wurzeln seine Ausführungen zur Genesis in Kommentaren aus dem Talmud und der Kabbalah. Was unterscheidet uns von unseren hominiden Vorfahren? Was sagt die Bibel dazu? Lassen sich in der Geschichte Hinweise darauf finden?

Nephesh und Neshama

Adam war nicht der erste Mensch, sondern der erste spirituelle Mensch. Was den Menschen einzigartig macht, ist der Funke Gottes, seine spirituelle Seele. Im alten Testament gibt es zwei Begriffe für Seele:

BedeutungBibelstellen
nepheshEine lebendige Seele, das physische Leben betreffend. Alles was sich auf der Erde regt, d.h. auch alle Tiere, haben eine nephesh.Genesis 1,30, Genesis 2,7 (Seele), Genesis 9, 4+5, Genesis 9, 12, etc.
neshamaAtem des Lebens, Odem des Allmächtigen. Die spirituelle Seele, der Funken Gottes. Nur der Mensch besitzt eine neshama.Genesis 2, 7 (Atem des Lebens), Hiob 32,8, Hiob 33,4, Psalm 150,6, etc.

Laut Genesis 1,30 haben alle Tiere, und damit auch alle Vorläufer des Menschen, eine nephesh, eine lebendige Seele. Auch sind alle Geschöpfe vom Staub des Erdbodens (adamah) geschaffen (Genesis 2,19). Das sind also keine Alleinstellungsmerkmale unter den Geschöpfen Gottes. Doch bei der Erschaffung Adams kommt erstmals neshama ins Spiel:

Da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden (adamah) und hauchte in seine Nase Atem des Lebens (neshama); so wurde der Mensch eine lebende Seele (nephesh).

Genesis 2,7

Nach Hiob 32,8 ist es eben gerade neshama, die den Menschen verständig macht:

Es ist der Geist (ruach) im Menschen und der Atem des Allmächtigen (neshama), der sie verständig werden lässt.

Hiob 32,8

Schroeder argumentiert nun, dass die menschlichen Vorläufer von Adam zwar menschlich waren, da sie die ersten beiden Merkmale mit uns teilten. Sie hätten auch bereits menschliche Fähigkeiten gehabt. Aber erst durch neshama wurde Adam zu Adam: dem ersten spirituellen Menschen, der mit Gott in Beziehung treten konnte.

Von Cro-Magnon bis Abraham

Museen setzen den Zeitpunkt zwischen prähistorisch und historisch typischerweise bei der Erfindung der Schrift an. Seine kognitiven Möglichkeiten und insbesondere die Fähigkeit, sich in Schrift auszudrücken, hebt den Menschen qualitativ von allen Tieren ab. Er ist nicht einfach ein “besserer” Affe. Er ist eine eigene Kategorie. Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über die jüngere Geschichte des Menschen, vom Neandertaler bis zu Abraham. In der rechten Spalte sind dabei die wesentlichen kulturellen Entwicklungen aufgeführt:

Zeit (Jahre vor heute)Biologische EntwicklungKulturelle/Spirituelle Entwicklung
150’000 -80’000NeandertalerSteinwerkzeuge. Feuer wird bereits länger beherrscht.
ca. 100’000Erste Bestattungsrituale
50’000-10’000Cro-Magnon MenschJäger und Sammler
10’000Heutiger MenschSesshaftigkeit, Landwirtschaft (neolithische Revolution)
8’000Töpferhandwerk
5’700
(Bronzezeit)
Adam & EvaSchrift, staatliche Gebilde, Religion, Erfindung des Rades, Handel, etc.
Der erste spirituelle Mensch (Neshama)
3’8000AbrahamDer jüdische Bund mit Jahwe
Die Entwicklung des Menschen, basierend auf Gerald Schroeder, “The Science of God”. Die sechs Tage der Schöpfung nach Gottes Zeitskala enden bei Adam. Ab Adam berichtet die Bibel in menschlicher Zeit.

Tatsächlich datieren die ersten Funde von Schriftstücken in die Bronzezeit, ungefähr 6’000 Jahre vor heute. Genau dort landen wir zeitlich auch, wenn wir das alte Testament chronologisch verstehen und anhand der Geschlechtsregister zurückrechnen bis zur Erschaffung von Adam. Bloss ein erstaunlicher Zufall? Oder tatsächlich ein Hinweis darauf, dass Gott damals seinen Funken in der Menschheit gezündet hat?

1000 Generationen

In der Tabelle zur Menschheitsgeschichte sehen wir, dass vor ca. 100’000 Jahren die ersten Bestattungsrituale stattfanden. Aber sind Begräbnisse nicht etwas Spirituelles? Falls es dabei nicht einfach um die Beseitigung eines Kadavers ging, um keine Raubtiere anzulocken, wäre das ein Ausdruck davon, dass die Menschen bereits sehr früh ihre Vergänglichkeit wahrgenommen haben und wohl auch daran gelitten haben. Vielleicht verbunden mit der Hoffnung auf etwas “danach” und dem Glauben an etwas Grösseres? Wie wäre das aber zu einer so frühen Zeit möglich gewesen, wenn die spirituelle Seele, die neshama, erst vor 6’000 Jahren geschaffen wurde?

Auf den letzten Seiten von Schroeders Buch, in Anhang D, habe ich einen interessanten Hinweis gefunden, der damit zu tun hat. Laut Talmud und angelehnt an Psalm 105,8, sollen 1000 Generationen vergangen sein, bevor Gott den Menschen die Tora gab. Aber zwischen Adam und Mose liegen lediglich 26 Generationen. Schroeder rechnet mittels einer durchschnittlichen Generationsdauer von 130 Jahren (vor Noah lebten die Menschen länger) aus, dass 1000 Generationen vor Mose ungefähr ins Jahr 130’000 vor heute zurückführen würden. Damit sind wir im richtigen Zeitfenster angekommen. Schroeder bleibt bei seiner Interpretation, dass neshama erst mit Adam gegeben wurde. Ich aber frage mich, ob Gott bereits damals spirituelle Menschen geschaffen haben könnte, denen er sich erst später offenbart hat? Mit einem nicht-chronologischen Verständnis der Genesis könnte “Adam” demnach auch Neandertaler gewesen sein!

Persönlicher Kommentar

Schroeders Buch ist äusserst spannend und sehr zu empfehlen. Er umkreist die grundsätzlichen Fragen zur Entstehung des Universums und des Menschen auf wissenschaftlich wie auch theologisch hohem Niveau. Konsequent analysiert er die scheinbaren Widersprüche und findet im Talmud und den Kommentaren der Kabbalah so manchen Weisheitsschatz. Einzigartig ist dabei sein Verständnis der zwei Zeitskalen: der Zeit Gottes und der Zeit des Menschen. Damit schafft er es, die Genesis historisch/wissenschaftlich zu verstehen, ohne in einen Kurzzeitkreationismus abzugleiten. So wird eine Bedeutungsebene dieses umstrittenen Textes gerettet, die viele vielleicht vorschnell aufgegeben haben. Auch der Versuch, die Menschheitsgeschichte mit der Bibel zu harmonisieren liefert viele interessante Einsichten, wenn letztlich auch einige Fragen offen bleiben. Was ich definitiv aus dem Buch mitnehme: Gottes souveränes Schöpfungshandeln in unserer Welt kann ohne Widerspruch zur modernen Wissenschaft gedacht werden.

“Two things fill the mind with ever increasing wonder and awe – the starry heavens above me and the moral law within me” (Immanuel Kant)

I propose that they are one and the same whispering voice.

Gerald Schroeder

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