Ursprungsfragen

Ursprungsfragen

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Gemäss jüdischem Kalender schreiben wir das Jahr 5780 AM. AM steht für “annus mundi”, das Jahr der Welt. Wie die Christen den Kalender in Jesus verankern und die Jahre nach Christus zählen, verankern die Juden ihren Kalender im Anfang der Schöpfung. Diese Zählung geht auf die chronologischen Geschlechtsregister im alten Testament zurück, mittels derer sich die Zeit bis zu Adam und Eva zurückrechnen lässt. Auch heute vertreten (Kurzzeit-)Kreationisten die Ansicht, dass Gott die Welt vor gar nicht allzu langer Zeit, vor ca. 6’000-10’000 Jahren erschaffen hat.

Dem gegenüber steht die geologische Zeitskala der Wissenschaft, welche für das Alter der Erde 4.5 Milliarden Jahre und für das Universum ca. 13.8 Milliarden Jahre ansetzt. 13.8 Milliarden – das ist über eine Million mal mehr als die Kreationisten veranschlagen. Das sind nicht gerade Kleinigkeiten. Und auf beiden Seiten argumentieren promovierte Wissenschaftler. Was macht man als Laie damit? Wie bezieht man als Christ dazu Stellung ohne unglaubwürdig zu werden?

Die Unterschiede

Zunächst einmal ein kurze Übersicht über die Unterschiede der drei wichtigsten Modelle. Kreationismus bedeutet hier Kurzzeit-Kreationismus und Evolution wird als rein naturalistische und nicht als theistische Evolution aufgefasst.

KreationismusEvolutionIntelligent Design
Voraussetzungen Es gibt einen Gott, Genesis 1 ist geschichtlich zu verstehenEs gibt keinen Gott
Wirkmechanismen Mikroevolution,
Gottes souveräner Akt
Mikroevolution, MakroevolutionMikroevolution, Design
Alter der Erde 10’000 Jahre13.8 Mia. Jahre 13.8 Mia. Jahre
Gottchristlich/jüdischer Gottgibt es nichtmonotheistischer Gott, Ausserirdische, Matrix, intelligente Energie, etc.
Beispiel für VerteterStudiengemeinschaft
Wort und Wissen
AG EvoBioDiscovery Institute

Mikroevolution oder Makroevolution?

Warum steht bei Kreationismus etwas von “Mikroevolution” und was ist der Unterschied zur Makroevolution? Unter Mikroevolution wird die Variation, Optimierung und Spezialisierung innerhalb von Arten, oder sogenannten “Grundtypen” verstanden. Im kreationistischen Modell steht ein Grundtyp leicht höher als die biologische Art, z.B. umfasst der Grundtyp der Hundeartigen sowohl heute lebende Hunderassen, wie auch Wolfs-ähnliche Verwandte. Unter Mikroevolution fallen Optimierungen einer Art, wie Verlängerung von Gliedmassen oder Veränderungen der Farbe (z.B. beim Birkenspanner). Bei Makroevolution hingegen handelt es sich um echte Neuerungen, um neue Baupläne von Organen und um Neukonstruktionen, welche meist den Rahmen einer Art sprengen.

Der tiefe Konflikt zwischen Evolution und Kreationismus ist nun gerade die Frage, ob viele aufeinanderfolgende mikroevolutive Vorgänge zu makroeveolutiven Neuerungen führen können – zur Entstehung von neuen Arten. Die Kreationisten lehnen dies ab und ziehen als Argument auch das junge Alter der Erde heran, welches nicht genügend Zeit für solche Prozesse bietet. Wichtig zu sehen ist, dass auch Kreationisten die Mikroevolution und deren Grundmechanismen von Mutation und Selektion akzeptieren. Sie trauen ihnen bloss nicht zu, neue Arten zu entwickeln.

Wichtig zu sehen ist, dass auch Kreationisten die Mikroevolution und deren Grundmechanismen von Mutation und Selektion akzeptieren.

Intelligent Design

Obwohl Kreationisten und Evolutionsbiologen gerne das Gegenteil behaupten, gehen sie nicht voraussetzungslos an die Faktenlage, z.B. den Fossilienbefund, heran. Die Kreationisten sehen alles im Lichte einer historischen Interpretation der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1. Die Evolutionsbiologen, zusammen mit der gesamten materialistisch-naturalistischen Wissenschaft, lehnen hingegen die Existenz eines “Gottes” oder einer höheren Intelligenz kategorisch ab. Sie interpretieren alles unter der Voraussetzung, dass es nur den Zufall geben kann.

Intelligent Design (ID) ist hier eine willkommene Alternative. Es trennt die wissenschaftlichen Argumente von weltanschaulichen Grundvoraussetzungen. ID kritisiert sowohl das junge Alter der Erde, wie es von Kreationisten vertreten wird, wie auch fehlende Beweise für Makroevolution im Fossilienbefund, die sogenannten “Missing Links”. Dr. Günter Bechly gibt eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Intelligent Design Argumente in diesem Video: Wissenschaftliche Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie. Ein besonders erwähnenswertes Problem ist die Entstehung der DNA und der entsprechenden Replikationsmechanismen. Die Evolutionstheorie kann dafür nicht als Erklärung herangezogen werden, da sie bereits einen funktionierenden Code und eine Replikation voraussetzt. Ansonsten könnten sich vorteilhafte Mutationen nicht verbreiten und in einer Population fixieren. Noch grundlegender ist die Frage nach der Entstehung eines stabilen Universums, das die passenden Rahmenbedingungen für einen evolutiven Prozess bieten muss.

Beim grossen Designer ist ID flexibel. Hier können ausserirdische Intelligenzen, traditionelle Gottesvorstellungen von Juden, Christen oder Moslems, wie auch esoterische Ideen oder Simulationen in der “Matrix” die Lücke füllen.

Intelligent Design kritisiert sowohl das junge Alter der Erde, wie es von Kreationisten vertreten wird, wie auch fehlende Beweise für Makroevolution im Fossilienbefund, die sogenannten „Missing Links“.

Theologische Auswirkungen

Die grossen Landeskirchen haben die Evolutionstheorie weitgehend akzeptiert. Der Vatikan differenziert allerdings zwischen Körper und Seele. Die Evolution ist nur für den Körper zuständig, während Gott die Seele direkt geschaffen habe:

Wenn der menschliche Körper seinen Ursprung in der lebenden Materie hat, die vor ihm existierte, dann ist doch seine Seele unmittelbar von Gott geschaffen.

Johannes Paul II., http://www.glauben-und-wissen.de/M9.htm

Damit zieht sich die katholische Kirche in die Metaphysik zurück. Im Selbstverständnis der Evolutionstheoretiker ist natürlich alles, was den Menschen ausmacht aus Materie entstanden. Dies schliesst seinen einzigartigen Geist und das bisher völlig unverstandene Bewusstsein mit ein. Zu einer “Seele” macht die Biologie keine Aussagen. Eventuell war diese “Kapitulation” der Kirche vor dem uneingeschränkten Wahrheitsanspruch der Evolution etwas verfrüht. Mittlerweile stehen viele namhafte Wissenschaftler dem Darwinismus skeptisch gegenüber.

Genesis: wörtlich oder metaphorisch?

Für Christen wie mich, die Zweifel an der absoluten Gültigkeit der Evolutionstheorie haben, stellt sich die Gretchenfrage: Wie verstehst du denn die biblische Genesis? Kreationisten werden bevorzugt bei der Junge-Erde Hypothese angegriffen. Diese leitet sich aus einem wörtlichen und historischen Verständnis der Genesis ab. Viele Theologen haben sich von einem wörtlichen Verständnis verabschiedet und verstehen die Schöpfungsgeschichte metaphorisch. Dies bedeutet notabene nicht, dass sie nicht wahr ist, sondern dass ihre Bedeutung auf einer anderen Ebene liegt.

Doch was verlieren wir eigentlich, wenn wir die Junge-Erde Sicht verlassen? Was bleibt erhalten? Was ändert sich? In den ersten beiden Versen (Genesis 1, 1-2) gibt es nichts, das irgendwie auf eine zeitliche Dauer hinweist. Mein Glaube ändert sich kein bisschen, wenn diese beiden Verse eine Zeitspanne von einer Milliarde Jahren umfassen.

Ein Tag

Interessant ist der Begriff “Tag”, der erstmals in Vers 5 auftaucht: “Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.” Etwas eigenartig ist, dass die Lichter an der Wölbung des Himmels, die zur Unterscheidung von Zeiten und Tagen und Jahren dienen, erst in Vers 14 geschaffen werden. Interessanterweise wurden zuvor bereits diverse Pflanzen und Fruchtbäume geschaffen. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass wir es eben doch nicht mit einem wörtlich zu verstehenden Tag zu tun haben? Eine Möglichkeit wäre, die Schöpfungstage als geologische Epochen zu interpretieren. Man könnte z.B. sagen mit der kambrischen Explosion sei Tag 5 der Schöpfung gemeint, da dort die Lebewesen im Wasser entstanden. Die geologischen Zeitalter mit allen Schöpfungstagen zu synchronisieren ist allerdings schwierig und führt zu Widersprüchen.

Eine sehr interessante Theorie zur Harmonisierung der Schöpfungstage mit den Milliarden von Jahren findet man auf der Seite SixDay Sciene. Die sechs Tage widerspiegeln die Zeit aus Sicht Gottes, der bei der Schöpfung dabei war. Durch die Expansion des Universums im Einklang mit der Urknalltheorie wurde Zeit und Raum allerdings um viele Grössenordnungen gedehnt. So sind die Schöpfungstage in menschlicher Zeit als Milliarden von Jahren messbar. Wenn heute also für uns zwei Punkte ein Lichtjahr auseinanderliegen, so brauchte das Licht im frühen Universum für dieselbe Distanz nur eine Sekunde.

Gott schuf

Die Souveränität des schöpfenden Gottes und seine Absicht wird für mich auch bei einer langen Zeitdauer nicht infrage gestellt. Die Evolutionstheorie hat Probleme mit plötzlich auftretender Vielfalt innert kurzer Zeitabschnitte, beispielsweise in der kambrischen Explosion. Was spricht dagegen, dass Gott Informationen in die bestehenden Gene der Lebewesen eingefügt hat? Er konnte die entscheidenden Mutationen, welche zu nicht reduzierbarer Komplexität führen, koordiniert und in einem abgestimmten Ganzen voranbringen. Er hat damit aktiv und souverän gehandelt (“Gott schuf”) und die makroevolutiven Sprünge ausgelöst. Danach hat er die Entwicklung wieder eine Zeit sich selbst überlassen (“und die Erde brachte hervor”), in welcher durch Mikroevolution eine Diversifizierung der Arten entstand. In einer weiteren Etappe hat er einen neuen Entwicklungsschub ausgelöst, usw. Es gibt einige weitere solche “Explosionen”, bei denen ohne Vorgänger plötzlich komplexe Lebensformen in den Erdschichten vorkommen.

Der göttliche Funke

Gemäss 1. Mose 1,26 schuf Gott den Menschen als Krone der Schöpfung und in seinem Bilde, um mit ihm in Beziehung zu treten. Dafür hat er ihn mit freiem Willen und der Fähigkeit zu lieben ausgestattet. Er gab dem Menschen als einzigem Geschöpf seinen Geist. Dieser Geist ist ein Wesenszug Gottes selbst und macht den Menschen damit Gott ähnlich. Die Fähigkeit des Verstandes ist laut der Bibel eng an diesen Geist gebunden:

Es ist der Geist im Menschen und der Atem des Allmächtigen, der sie verständig werden lässt.

Hiob 32,8

Diese Sonderstellung des Menschen ist für mich evident, auch wenn es Adam und Eva so nicht gegeben hätte. Der Mensch unterscheidet sich signifikant von anderen Geschöpfen. Obwohl die DNA von Menschen und Schimpansen bis zu 99% gleich ist, sind Menschen zu beeindruckenden Leistungen fähig, die Schimpansen weit hinter sich lassen. Wann hast du das letzte Mal mit einem Schimpansen über Politik diskutiert? Die Vermutung liegt nahe, dass die von der DNA bestimmte “Hardware” des Menschen eben gerade nicht für die geistigen Funktionen zuständig ist. Was den Menschen zum Menschen macht, ist in seinem immateriellen Geist, seinem Bewusstsein oder seiner Seele angelegt.

Wenn man die kulturelle Entwicklung des modernen Menschen (Homo Sapiens) genauer anschaut, fällt auf, dass viele entscheidende Entwicklungsschritte, wie die Sesshaftigkeit, die einzigartige Sprechfähigkeit, die Entwicklung der Schrift und des symbolischen Denkens oder auch die Religion, noch gar nicht so lange her sind. Bei der Frage wann also Gott im Menschen den göttlichen Funken gezündet haben könnte, sprechen wir eher über wenige Jahrzehntausende statt über Millionen oder gar Milliarden von Jahren.

Der Tod

“Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.” (Vers 31). Hier stellt sich für mich die Frage, ob eine evolutive Entwicklung mit “Survival of the fittest” von Gott als gut bezeichnet würde. Ist der Tod der Schwachen, damit die Starken leben können ein “gutes” Prinzip? Braucht Gott den Tod, um seine Schöpfung zu entwickeln? Ist nicht der Tod der Feind Gottes? Die Bergpredigt spricht eindeutig andere Worte. Aber sie richtet sich an uns Menschen, ethische Lebewesen, und beschreibt keine biologischen Mechanismen. Zudem sollte man zwischen geistlichem und biologischem Tod unterscheiden. Das Dilemma vom Tod in der guten Schöpfung besteht, selbst wenn wir die heutige Natur für sich betrachten, unabhängig davon, wie Gott diese geschaffen hat. Tod und Leid sind der Natur eingeprägt. Kreationisten führen dies auf den Sündenfall zurück. Erst mit dem Sündenfall sei der Tod in die Schöpfung gekommen. Andere argumentieren, dass der Tod vor dem Sündenfall bereits Teil der Schöpfung war. Gott habe den Menschen aus dem Garten Eden vertrieben, “dass er nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch noch von dem Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!” (Genesis 3, 22). Wozu hätte es diesen Baum des Lebens gebraucht, wenn der Mensch doch schon unsterblich war?

Der Sündenfall

Wer die Schöpfungsgeschichte nicht historisch versteht, kann auch den Sündenfall nicht wörtlich verstehen. Das fällt mir einigermassen leicht. Der “Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen” ist selbst bereits ein Bild. Von dieser Frucht zu kosten bedeutet nicht einfach in einen Apfel zu beissen. Vielmehr geht es darum, dass der Mensch Gott nicht vertraut, dass er selbst für sich entscheidet was gut ist. Damit ist der Menschen im Innern von Egoismus bestimmt. Der Fluss der Liebe vom Schöpfer zum Geschöpf wird unterbrochen und der Mensch lebt getrennt von Gott. Das ist Sünde. Durch die Sünde konnte/wollte der Mensch nicht mehr in der Nähe Gottes sein, sondern hat sich vor ihm versteckt. Damit hat er sich aus dem Garten Eden, der Nähe Gottes, ausgeschlossen.

Was nun?

Evolutionstheorie, Kreationismus und Intelligent Design (ID) bieten unterschiedliche Modelle für ein Verständnis der Entstehung des Lebens. Einige Aspekte kommen in mehreren Modellen vor, wie z.B. die Mikroevolution, die von niemandem bestritten wird. ID stimmt mit der Evolutionstheorie bei den geologischen Zeitskalen überein. Mit dem Kreationismus geht ID darin einig, dass zufällige Mutationen und Selektion alleine nicht zur heute sichtbaren Komplexität des Lebens geführt haben können.

Wir sollen Gott mit unserem Herzen, aber auch mit unserem Verstand lieben (Markus 12, 30). Wenn wir als Christen die Augen vor Fakten verschliessen, tun wir der Sache des Glaubens keinen Gefallen. Verkrampft an vermeintlich historischen Aussagen der Bibel festzuhalten kann ins Abseits führen. Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Sonnensystems. Das hat die Bibel auch nie behauptet. Dennoch hat sich die Kirche unglaubwürdig gemacht, indem sie das lange als unverhandelbar vertrat.

Für mich ist ID eine stimmige Sichtweise, auch wenn ich damit gewisse vertraute Interpretationen der Bibel hinterfragen muss. Sie trägt dafür meiner Überzeugung Rechnung, dass unsere Welt nicht aus reinem Zufall entstanden sein kann.

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