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Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung

Mit seinem Buch “Life After Life” hat Raymond Moody 1975 das Thema Nahtoderfahrungen (NTE) aus der Ecke der Mythen und Phantasien herausgeholt. Das weltweite Interesse am Thema war gross und es folgten erste wissenschaftliche Studien. Zwischen 1975 und 2005 wurden 42 wissenschaftliche Studien publiziert, die total 2500 Menschen mit einer NTE untersuchten. Die bisher grösste prospektive Studie zu NTE wurde vom niederländischen Kardiologen Dr. Pim van Lommel im Jahr 2001 veröffentlicht. In seinem Buch “Endloses Bewusstsein” aus dem Jahr 2007 (deutsche Ausgabe 2009) beschäftigt er sich mit neuen medizinischen Fakten zu NTE und beschreibt resultierende Veränderungen im Leben der Betroffenen. Zudem widmet er einen grossen Teil seines Buches der Frage nach dem Wesen des menschlichen Bewusstseins.

Dieser Blog dreht sich um das Buch “Endloses Bewusstsein – Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung”, Pim van Lommel, ISBN 978-3-426-87822-4.

Elemente von Nahtoderfahrungen

Was ist eigentlich eine NTE und welche Erfahrungen machen Betroffene? NTE treten meist in lebensbedrohlichen Situationen auf. Diese können beispielsweise durch einen Herzstillstand oder fehlende Hirnaktivität (eine Nullinie im EEG) ausgelöst werden. Ähnliche Erfahrungen treten allerdings auch in gesundem Zustand auf, z.B. bei Todesangst oder in der Meditation. NTE sind gar nicht so selten. In Van Lommels prospektiver Studie mit 344 Herzstillstand-Patienten berichteten 18% von einer NTE (S.173). In der Gesamtbevölkerung sind es ungefähr 4.2% (S. 40).

Van Lommel übernimmt Moodys Einteilung in 12 unterschiedliche Elemente von NTE:

  1. Das Unaussprechliche
    Betroffene tun sich schwer damit, ihre Erfahrung in Wörter zu fassen. Die menschliche Sprache scheint nicht geeignet zu sein, um die Tiefe und Qualität einer solchen Erfahrung zu vermitteln. Das Erlebte scheint hyperreal, also realer als unser irdisches Leben.
  2. Gefühl des Friedens und der Ruhe
    Viele Menschen erleben zuerst überwältigenden Frieden, Freude und Glückseligkeit. Allfällige Schmerzen sind plötzlich vollkommen verschwunden.
  3. Die Erkenntnis, tot zu sein
    Oft realisieren Betroffene erst durch Umstehende oder Ärzte, dass sie jetzt wohl tot seien. Dies kann sie verwirren, da sie sich gerade besonders “lebendig” und eins mit sich selbst fühlen.
  4. Verlassen des Körpers
    Betroffene haben Wahrnehmungen in einer Position ausserhalb ihres Körpers. Sie haben das Gefühl, als hätten sie ihren Körper wie einen Mantel abgestreift. Teilweise können sie im Nachhinein präzise und überprüfbare Angaben über den Operations- oder Reanimationsvorgang sowie über Gespräche von Beteiligten machen.
  5. Ein dunkler Raum oder Tunnel
    Betroffene werden plötzlich in einen dunklen Raum oder Tunnel gezogen. Etwa 15 Prozent empfinden das als beängstigend. Es erscheint ein Lichtfleck, der sie mit unglaublicher Geschwindigkeit anzieht (Tunnelerlebnis). Beim Lichtfleck angekommen, werden die Menschen vom Licht ganz eingehüllt und fühlen bedingungslose Liebe und Akzeptanz. Ca. 1-2 Prozent bleiben in diesem Raum oder werden sogar tiefer hinabgezogen bis sie wieder aufwachen. Ihre Erinnerung an das Erlebnis ist dann bestimmt durch Furcht.
  6. Wahrnehmung einer ausserweltlichen Umgebung
    Viele Betroffene sehen eine herrliche Landschaft, viele Farben, ungewöhnliche Blumen und hören Musik. Manchmal sehen sie sogar Bauten oder Städte.
  7. Begegnung und Kommunikation mit Verstorbenen
    Einige Menschen treffen verstorbene Angehörige oder Bekannte. Meist erscheinen sie im jungen Erwachsenenalter, gesund und hübsch, auch wenn sie alt und schwach in Erinnerung waren oder als Kind gestorben sind.
  8. Begegnung mit einem strahlenden Licht oder einem Wesen aus Licht
    Das Licht wird als sehr hell aber nicht blendend beschrieben. Der religiöse Hintergrund bestimmt weitgehend, welchen Namen die Menschen ihm verleihen, z.B. Jesus, Engel, oder Lichtwesen. Kommunikation mit dem Wesen findet über Gedanken statt. Die Menschen erfahren absolute Akzeptanz und bedingungslose Liebe. Sie kommen mit tiefem Wissen und Weisheit sowie Einsichten zu ihrem Leben in Berührung.
  9. Lebensschau oder Rückblick
    Die meisten erleben die Lebensschau in Anwesenheit des Lichtwesens. Man sieht dabei “jeden Gedanken” des vergangenen Lebens und erkennt die Konsequenzen, die die eigenen Worte und Taten für andere hatten. Zeit und Distanz scheinen nicht mehr existent. Man kann stunden- oder tagelang über die Lebensschau sprechen, obwohl der Herzstillstand nur wenige Minuten gedauert hat.
  10. Ausblick oder Vorschau
    Einige erleben eine Art Ausblick auf einen Teil ihres Lebens, das noch vor ihnen liegt.
  11. Eine Grenze
    Die Menschen sehen einen dichten Nebel, eine Mauer, ein Tal, einen Fluss, eine Brücke oder eine Pforte. Sie erkennen, dass sie nicht mehr in ihren Körper zurückkehren können, wenn sie diese Grenze überschreiten. Manchmal kommt es zu Kommunikation mit einem Angehörigen oder dem Lichtwesen. Einige erfahren, dass die Zeit noch nicht reif sei, weil man im Leben noch eine Aufgabe habe, wie z.B. die Sorge um Kinder oder Familienangehörige. Einige haben das Gefühl, sie hätten die Entscheidung selbst getroffen.
  12. Die Rückkehr in den Körper
    Die Rückkehr vollzieht sich meist plötzlich und wird als unangenehm empfunden. Schmerzen sind wieder da und die Menschen sind enttäuscht, dass ihnen so etwas Wundervolles genommen wurde. Hinzu kommt der Frust, dass Ärzte, Pflegepersonal, oder Angehörige die eigenen Schilderungen über das Erlebte oft nicht ernst nehmen.

Faktoren, die zu NTE führen

Van Lommel geht auch der Frage nach, ob es Faktoren gibt, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit einer NTE erhöhen. Er kommt zum Schluss, dass es nur sehr wenige begünstigende Faktoren gibt. Dazu gehört z.B. das Alter (unter 60) oder ob ein Patient bereits einmal eine NTE oder Reanimation erlebt hatte. Andere Faktoren wie die Dauer des Herzstillstands, verabreichte Medikamente, Vorkenntnisse über NTE oder auch die Religion des Patienten waren nicht entscheidend:

Es machte ebenfalls keinen Unterschied, ob Patienten in der Vergangenheit Informationen über NTE gehört oder gelesen hatten. Ebenso wenig spielte die religiöse Überzeugung eine Rolle, auch nicht ob jemand Agnostiker oder Atheist war, welchen Bildungsgrad er besass oder welche Art der Ausbildung er genossen hatte.

S. 176

Veränderungen im Leben der Betroffenen

“Ich hatte das Gefühl, ich wäre eine andere Person, aber mit der gleichen Identität.”

Die folgende Tabelle zeigt auszugsweise Veränderungen, welche bei Patienten 8 Jahre nach einem Herzstillstand eingetroffen waren (S. 110). In der mittleren Spalte steht die Veränderung bei Patienten mit und in der rechten Spalte ohne NTE:

Veränderungen 8 Jahre nach Herzstillstandmit NTEohne NTE
Den Sinn des Lebens erkennen+ 89%+ 66%
Gefühle zeigen+ 78%+ 58%
Wunsch, anderen zu helfen+ 73%+ 58%
Andere akzeptieren+ 78%+ 41%
Wichtigkeit, was andere über mich denken– 21%+ 41%
Bedeutung eines höheren Lebensstandards– 50%+ 33%
Wertschätzung alltäglicher Dinge+ 84%+ 50%
Religiöses Erleben+ 47%+ 25%
Interesse an Spiritualität+ 42%– 41%
Kirchenbesuch– 42%+ 25%
Furcht vor dem Tod– 63%– 41%

Alle Patienten in der Studie hatten einen Herzstillstand. Das ist ein einschneidendes Erlebnis. An den Veränderungen in der rechten Spalte (Patienten ohne NTE) sieht man, dass danach essenzielle Themen des Lebens neu bewertet werden. Zu diesen Themen gehört der Umgang mit anderen, Erkenntnis des Lebenssinns und auch die Bedeutung des Glaubens. Bei Patienten mit NTE (mittlere Spalte) treten diese Veränderungen früher und noch stärker ein.

Offenbar finden Menschen mit NTE zuwenig Spiritualität in der Kirche und bleiben dieser deshalb fern.

Bei einigen Themen scheint eine NTE jedoch genau den entgegengesetzten Effekt zu einem “blossen” Herzstillstand zu haben. So legen Patienten ohne NTE mehr Wert auf einen gewissen Lebensstandard (+33%) während mit NTE dessen Bedeutung deutlich abnimmt (-50%). Eine NTE macht Patienten unabhängiger davon was andere über sie denken (-21%), während ohne NTE diese Abhängigkeit zunimmt (+41%). Nach einem Herzstillstand ohne NTE fühlen sich Menschen vermehrt zur Kirche hingezogen (+25%), aber weniger zu Spiritualität (-41%). Mit NTE sieht die Sache umgekehrt aus: Die Kirchenbesuche nehmen um 42% ab, während das Interesse an Spiritualität in gleichem Masse zunimmt. Offenbar finden Menschen mit NTE zu wenig Spiritualität in der Kirche und bleiben dieser deshalb fern. Schade.

Medizinische Erklärungsversuche

Das naturwissenschaftliche Paradigma lautet, dass unser Bewusstsein ein Produkt unserer Hirnaktivität sei. Wird diese Aktivität gestört, z.B. durch Sauerstoffmangel, kann auch die Bewusstseinswahrnehmung oder Erinnerung gestört werden. Halluzinationen, Dissoziationen, Klarträume oder Depersonalisation sind Phänomene, die auch aus der Psychiatrie bekannt sind. NTE, so die Skeptiker, sind aus verschiedenen Aspekten solcher Wahrnehmungen des sterbenden bzw. wiedererwachenden Gehirns zusammengebaut.

Van Lommel argumentiert dagegen, dass prospektive Studien NTE in einer Zeit ohne messbare Hirnaktivität nachweisen würden, d.h. wenn eine Nullinie im EEG sichtbar war. Jegliche “Einmischung” von störenden Hirnregionen könne daher ausgeschlossen werden. Ebenfalls sei unerklärbar, dass Patienten nach dem Erwachen Informationen über die Behandlung, Personen und Gespräche hatten, die sie aufgrund ihrer Bewusstlosigkeit keinesfalls mitbekommen haben konnten. Van Lommel führt viele Beispiele an, die im Nachhinein verifiziert werden konnten. Bruce Greyson und Penny Sartori ziehen das Fazit:

Wenn klare Wahrnehmungsprozesse in einer Phase möglich sind, in der der klinische Tod des Patienten eindeutig nachgewiesen ist, gerät die Vorstellung, das Bewusstsein sei ausschliesslich im Gehirn lokalisiert, ins Wanken.

Bruce Greyson, S. 194

Solange wir in der gängigen wissenschaftlichen Perspektive verharren, dass das Bewusstsein eine Nebenerscheinung neurologischer Prozesse ist, bleibt die NTE ein unerklärliches Pänomen. Die Tatsache, dass Menschen Bewusstseinserfahrungen aus einer Phase beschreiben, in der das Gehirn keine Aktivität mehr zeigt, lässt sich nicht ohne weiteres mit den derzeitigen wissenschaftlichen Auffassungen in Einklang bringen.

Penny Sartori, S. 195

Oft höre ich das Argument, NTE seien ein Märchen, weil man Aspekte davon simulieren könne. Man müsse nur die richtigen Substanzen nehmen (LSD, DMT) oder gewisse Hirnregionen stimulieren. Dann würden Erfahrungen wie bei einer NTE auftreten. Weil man eine NTE simulieren könne, seien solche Erlebnisse folglich nicht real. Doch diesem Argument liegt ein logischer Irrtum zugrunde. Man kann genauso argumentieren es gäbe keine Äpfel. Wenn wir unseren Augen ein Foto eines Apfels im Dämmerlicht vorhalten, vielleicht noch mit künstlichem Apfelduft besprüht, wird das Gehirn denken, ein Apfel liege vor ihm. Entsprechend können wir Appetit darauf kriegen, das Wasser läuft uns im Mund zusammen, etc. Daraus zu schliessen es gäbe keine echten Äpfel, ist unzulässig und offensichtlich falsch. Ja, wir können unserem Gehirn Erfahrungen vorgaukeln, die denen während einer NTE ähnlich sind. Das bedeutet aber keineswegs, dass es keine realen NTE gibt.

Was ist unser Bewusstsein?

Van Lommel schliesst aus diesen Befunden, dass sich unser Bewusstsein nicht ausschliesslich aus der Aktivität unseres Gehirns erklären lässt. Er widmet einen grossen Teil seines Buchs der Suche nach alternativen Erklärungen, die allesamt auf der Quantenphysik basieren. Viele verwirrende Eigenschaften der Quantenphysik scheinen einen Zusammenhang zum Bewusstsein tatsächlich nahezulegen:

  • Verschränkte Teilchen, die spukhaft über grosse Distanzen hinweg miteinander verbunden sind (Nicht-Lokalität)
  • der Welle-Teilchen-Dualismus, welcher grundsätzlich die Frage aufwirft was “Materie” eigentlich ist?
  • die Unbestimmtheit eines Zustands bevor er “beobachtet” wird (Schrödingers Katze lässt grüssen).

Einige Quantenphysiker gehen sogar so weit, die Kausalität des vorherrschenden Paradigmas umzukehren: Es heisst nicht mehr “die Realität produziert unser Bewusstsein”, sondern “das Bewusstsein bringt die Realität hervor”:

Bedeutende Quantenphysiker wie Eugene Wigner, Brian Josephson, John Wheeler und der Mathematiker John von Neumann befürworten die weitreichende Interpretation, dass die physische Welt von der Wahrnehmung erschaffen wird, und setzen dabei voraus, dass das Bewusstsein grundlegender ist als Materie oder Energie.

S. 258

Van Lommel positioniert sich im Folgenden als Vertreter des Panpsychismus. Der Panpsychismus geht davon aus, dass geistige Eigenschaften bereits in der Grundstruktur der Materie vorhanden sind. Unser Gehirn ist demnach aus “bewussten” Teilchen aufgebaut, wohingegen das Buch neben mir auf dem Tisch aus “unbewussten” Teilchen besteht. Wie sich das biologische Leben durch die Evolution entwickelt habe, so könne sich das Bewusstsein gleichermassen von einfachen zu komplexeren Formen mitentwickelt haben.

Mich persönlich überzeugt der Panpsychismus nicht. Die Idee eines Bewusstseins, das sich aus kleineren bewussten Elementen zusammenbaut, scheitert am Problem der nicht reduzierbaren Komplexität, auf das Vertreter des Intelligent Designs auch bei der biologischen Evolution hinweisen (siehe dazu meinen Blog zu Ursprungsfragen). Ich bin mit Van Lommel aber darin einig, dass die materialistische Sichtweise mit ihrer Vorstellung des Gehirns als neuronalem Computer und dem Bewusstsein als Programm zu kurz greift. Ich bin hier allerdings Dualist. Ich glaube, dass unser Bewusstsein in einer immateriellen Dimension als eigenständige Entität lebt und über quantenmechanische Effekte mit dem Gehirn kommuniziert. John C. Eccles hat diese Idee unter dem Namen “dualistischer Interaktionismus” formuliert (siehe dazu meinen Blog “Kann der Mensch Bewusstsein erschaffen?”).

Normalerweise stehe ich auf abgespacte Wissenschaftstheorien. Van Lommel’s Erörterungen über mögliche Mechanismen des endlosen Bewusstseins fand ich aber nur mässig spannend, weil sie hochgradig spekulativ sind. Ich gehe davon aus, dass unser Bewusstsein in einer Dimension lebt, welche der Naturwissenschaft nicht zugänglich ist. Und damit meine ich nicht, dass unser aktuelles Wissen einfach noch unzureichend ist. Ich glaube, es gibt hier eine fundamentale, erkenntnistheoretische Barriere. Es ist unmöglich, dem Mysterium des Bewusstseins mit wissenschaftlichen Methoden auf die Schliche zu kommen.

Ähnlichkeit mit mystischen Erfahrungen

Van Lommel geht nicht weiter auf die religiöse Dimension von NTE ein. Mir fällt jedoch die Ähnlichkeit zwischen NTE und mystischen Erfahrungen auf. Mystiker und Menschen mit NTE sprechen von tiefem Frieden und Ruhe. Sie spüren eine bedingungslose Liebe und Akzeptanz. Ihnen fehlen die Worte, um das Erlebte zu vermitteln. Das Raum- und Zeitgefühl wird relativiert. Teresa von Avila beschreibt eine Erfahrung, die sehr an die Gedanken-Kommunikation mit Angehörigen oder dem Lichtwesen erinnert. Die Wahrnehmung und die Informationsverarbeitung ist dabei nicht länger durch das Gehirn limitiert:

Und da geschieht es, dass ihr in einem Augenblick so vieles auf einmal gelehrt wird, dass sie nicht einmal ein Tausendstel davon zusammenbrächte, auch wenn sie sich jahrelang bemühen würde, um dies alles mit ihrer Phantasie und Denkkraft aneinander zu reihen.

Teresa von Avila, “Wohnungen der inneren Burg”

Im kontemplativen Gebet sammelt der Mensch die Seelenkräfte (Erkenntnis-, Empfindungs- und Erinnerungsvermögen) im Inneren der Seele und diese wird zu Gott hingezogen. Dies entspricht einer gewissen Distanzierung der Seele vom Körper. Auch während einer NTE beginnt sich die Seele vom Körper zu lösen. Dass dabei ähnliche Erlebnisse entstehen scheint logisch. Eine NTE ist im Wesentlichen eine extreme mystische Erfahrung. Thomas Keating macht uns deshalb Mut, die Angst vor dem Tod abzulegen, weil er nichts Schlimmes sei:

Du bekommst dabei einen Einblick in die Tatsache, dass bei der Trennung von Leib und Seele keine allzu grosse Veränderung stattfinden wird. Im tiefen Gebet denkst du onehin nicht über den Leib nach. Der Ausblick auf den Tod ist deshalb nicht mehr bedrohend für dich, weil du eine Vorahnung von dem bekommen hast, wie es für deine Seele sein dürfte, wenn sie vom Leib getrennt sein wird – und es ist etwas Angenehmes.

Thomas Keating, “Gebet der Sammlung”, S. 65

Ein weiteres gemeinsames Merkmal von Mystik und NTE: Wer Gott begegnet bleibt nicht derselbe. Das zeigt sich bei Mystikern in der Reinigung des Herzens und bei Menschen mit NTE an den diversen Veränderungen, die auch viele Jahre später sichtbar sind.

Persönliche Einordnung

Ich hatte noch nie eine NTE. Auch keinen direkten Kontakt zu Personen mit NTE. Dennoch bin ich überzeugt, das NTE real sind. Die grosse Zahl solcher Berichte und deren Übereinstimmung in zentralen Aussagen stärkt meinen Glauben. Sie sind ein starkes Indiz dafür, dass wesentliche Glaubensinhalte meiner Spiritualität richtig sind:

  • Es gibt Übernatürliches. Die physische Welt ist nicht alles.
  • Unser Bewusstsein überdauert den Tod.
  • Es gibt personale geistliche Wesen (“Engel”, Lichtwesen, Gott).
  • Die Welt wird von Liebe getragen.
  • Es wird eine Lebensschau bzw. ein wohlwollendes Gericht geben.
  • Was wir auf der Erde tun ist wichtig. Auch wenn es nur kleine Dinge sind und wir den Gesamtzusammenhang (noch) nicht überblicken.

Berichte von NTE sollten allerdings nicht als göttliche Offenbarungen betrachtet werden. Zu gross ist die Zahl an fragwürdigen Privatoffenbarungen und selbsternannten Gurus. Vieles an solchen Erfahrungen ist unklar und subjektiv. Wenn auch Vorgänge im sterbenden Hirn die Erlebnisse nicht letztlich erklären können, so können sie doch mit dem Erlebten und der Erinnerung interferieren. Im direkten Umgang mit Betroffenen ist respektvolles Zuhören und Ernstnehmen gefragt. Was wir als Aussenstehende davon für uns entnehmen, sollten wir gut prüfen.

Das Christentum sollte sich seiner spirituellen Schätze neu bewusst werden. Dazu gehört die mystische Sehnsucht nach Gott ganz allgemein und im Speziellen das kontemplative Gebet. Wir müssen nicht warten bis wir (nahezu) sterben, um Gott zu begegnen. So könnte es vielleicht gelingen, die spirituell Hungrigen, die einen Vorgeschmack der Liebe Gottes erfahren haben, auch in den Reihen der Kirche zu speisen.

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