Blogs,  Spiritualität

Das Leben bejahen

Wer meine Artikel zum Thema Spiritualität liest, könnte den Eindruck bekommen ich sei etwas lebensmüde. Da ist oft vom Sterben des Egos die Rede, vom Loslassen und von reinigenden Feuern. Leid könne den Abwehrschirm unseres Egos knacken. Man findet sogar ein Gebet, welches dazu auffordert, das eigene Verlangen nach Sicherheit und Kontrolle abzulegen. Was ist nur los mit mir? Brauche ich dringend Hilfe?

Nein. Ich habe diese Themen vertieft beschrieben, weil sie mich beschäftigen. Diese Sichtweisen waren für mich grösstenteils neu und ich halte sie für bemerkenswert. Im grossen Bild des Lebens sind sie aber einem bestimmten Lebensabschnitt zugeordnet und müssen in einen grösseren Kontext eingebettet werden. Das möchte ich mit diesem Artikel nachholen.

Ein vierfaches Ja zum Leben

Thomas Keating beschreibt in “Invitation to Love” die spirituellen Herausforderungen der verschiedenen Lebensabschnitte. Dabei stützt er sich wiederum auf John S. Dunne (“Time and Myth”). In jedem Lebensabschnitt, so Dunne, möchte Gott, dass wir einem grundlegenden Aspekt des Lebens zustimmen und Gott dankbar sind dafür. Wenn wir einen Abschnitt weitergehen, lassen wir die jeweiligen Limitierungen hinter uns. Die guten Werte aber tragen wir weiter.

In jedem Lebensabschnitt begegnet uns etwas Unbekanntes. In der Kindheit ist es die Welt, in der Pubertät die Sexualität, als Erwachsene die Sterblichkeit, und in der Mitte des Lebens der Geist. […] Zuerst tritt das Unbekannte in unser Bewusstsein und dann kommt es zur Frage der Zustimmung. […] In jedem Abschnitt ist unsere Aufgabe erfüllt, wenn wir zustimmen können.

John S. Dunne, “Time and Myth” (Eigene Übersetzung)

Die Kindheit

In der Kindheit (ca. bis 11 Jahre) möchte Gott, dass wir ein grundsätzliches Ja zum Leben finden. Wir sollen dankbar sein für sein gutes Geschenk an uns. Lustvoll entdecken wir die Welt, entwickeln Fähigkeiten, Sprache, Gedächtnis. Wir lernen in Beziehung mit Familie und Freunden zu leben. Die Einfachheit, Unschuld, Sorglosigkeit und die Fähigkeit zum Leben im aktuellen Moment, all das sind Qualitäten, die wir fürs ganze Leben mitnehmen sollen. Unser Wert basiert noch nicht auf Leistung und Verdienst. Das Leben ist einfach gut!

Leider gibt es Vieles, dass eine unbeschwerte Kindheit verhindert. Da kann es Angst, Ablehnung, Missbrauch oder auch gesundheitliche Einschränkungen geben. Solche Dinge können uns daran hindern, das Leben vorbehaltlos als gut zu akzeptieren. Wir entwickeln dann Mechanismen, um unser angekratztes Selbstbild zu beschützen, aber tragen die Zweifel mit in den nächsten Abschnitt.

Die Jugend

In der Jugend (ca. bis 22 Jahre) fordert uns Gott auf, unsere Persönlichkeit zu entdecken und zu bejahen. Wir sollen unsere Talente entdecken und lieben lernen. Wir sollen unsere kreative Energie nutzen! Das Abenteuer lockt und wir möchten die Welt entdecken. Was ist unsere Identität? Wer sind die anderen? Wir verlassen die isolierte Welt eines Kindes und treten in Beziehung zu Menschen. Die Sexualität erwacht.

Wiederum können belastende Beziehungen oder der schwierige Umgang mit der Sexualität uns zögern lassen, das Leben als gut zu akzeptieren. Menschen, die z.B. ihre sexuelle Energie unterdrücken, tendieren dazu, generell Gefühle zu unterdrücken. Später im Leben, z.B. in der Midlife-Crisis, kann die angestaute Energie mit ungeahnter Kraft plötzlich hervorbrechen.

Jetzt bittet er uns, die guten Freuden des Lebens, den Wert der Freundschaft, die Ausübung unserer Talente, die Schönheit der Natur, die Schönheit der Kunst, die Freude an Aktivität und Ruhe zu akzeptieren.

Thomas Keating, “Invitation to Love” (Eigene Übersetzung)

Das Erwachsenenalter

Die Midlife-Crisis trifft Menschen meist zwischen 40 und 50 Jahren. Viele Ziele sind erreicht, man hat sich im Leben eingerichtet. Und plötzlich wird einem die eigene Vergänglichkeit bewusst. In diesem Abschnitt möchte Gott, dass wir unsere Endlichkeit akzeptieren lernen. Wir werden mit Krankheit, Alter und schliesslich dem Tod konfrontiert. Wir realisieren, dass die Säulen, auf denen unsere irdische Identität ruht, vergänglich sind. Eines Tages werden wir unseren Beruf nicht mehr ausüben. Unsere Gesundheit wird früher oder später eingeschränkt werden. Besitz können wir nicht ewig festhalten und auch unsere Familie und Freunde werden uns irgendwann genommen (oder wir ihnen). Gott bereitet uns darauf vor, letztlich alles gehen zu lassen, was wir zu lieben gelernt haben. Obwohl es schwierig ist, sollen wir einwilligen, Gott all die guten Dinge in unserem Leben dankbar zurückzugeben.

Dieser Schritt ist besonders schwierig, wenn die vorigen Abschnitte im Leben nicht als gut akzeptiert werden können.

Ein starkes Ich ist ein wertvolles Gut für die spirituelle Reise. Es ist dieses Selbst, […] das wir Gott anbieten. […] Wenn wir kein Selbst und keine Selbst-Identität haben, wissen wir nicht was wir geben sollen.

Thomas Keating “Intimacy with God” (Eigene Übersetzung)

Die Transformation

Die letzte Zustimmung, die Gott von uns möchte, ist die zu unserer Transformation. Das Ziel unseres Lebens ist die Selbstwerdung im Innern der Seele, die Reise vom äusseren Ich (dem Ego) zum inneren Ich. Gott möchte, dass wir ihm uns selbst zurückschenken. Dazu müssen wir unser Ego loslassen. Das ist der Kontext, in welchem die vermeintlich “lebensmüden” Äusserungen aus meinen Artikeln plötzlich sinnvoll werden.

Diese fortlaufende Schulung in der Zustimmung ist die Schule der göttlichen Liebe, in der Gott uns einlädt, den göttlichen Plan anzunehmen, der darin besteht, das göttliche Leben mit uns zu teilen.

Thomas Keating, “Invitation to Love” (Eigene Übersetzung)

Alles im Leben ist geistlich

Wie geht denn nun dieses “zustimmen” zum Leben? Martin Benz bringt uns in Movecast 100 auf eine interessante Spur. Gott hat uns wunderbar gemacht und vielseitig beschenkt. Er hat uns Fähigkeiten und Talente gegeben. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot gibt Jesus die Antwort: “Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verstand.” (Matth. 22, 37). Das Herz steht hier für Spiritualität, die Seele für Emotionalität und der Verstand für unsere intellektuellen Fähigkeiten.

Gott möchte, dass wir mit allem was wir haben ganzheitlich leben. Wir sollen unseren Geist, unsere Emotionen, unsere Gedanken, und unsere Kraft einsetzen! Er möchte, dass wir sie nutzen für das Gute, das Positive, das Schöne, das Kreative, das Heilsame, das Liebevolle, das Friedfertige und für alles was das Leben fördert. Wenn wir einem Menschen Gutes tun, nimmt Gott das persönlich (Matth. 25,40). Wenn wir unsere Kreativität einsetzen, um ein Kunstwerk zu schaffen, freut sich Gott. Wenn wir mit leidenden Menschen mitfühlen oder unseren Verstand einsetzen, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, so fühlt sich Gott von uns geehrt und geliebt! Dadurch, dass wir unsere Fähigkeiten zum Guten einsetzen, sagen wir Ja zum Leben! Und damit wird das ganze Leben zum geistlichen Abenteuer (1. Korinther 10, 31)!

Die Frage “Was ist Gott?” […], erfordert eine Entdeckungsreise, eine lebenslange Entdeckungsreise. Während ich die Höhe, die Tiefe und die Weite des Lebens erforsche, ist jede Entdeckung, die ich über das Leben mache, eine Entdeckung über Gott, jede ist ein Schritt mit Gott, ein Schritt auf Gott zu.

John S. Dunne, “Time and Myth” (Eigene Übersetzung)

Unsere Einzigartigkeit

Einige Menschen haben Angst davor, sich selbst aufzugeben. Sie fürchten, alles zu verlieren, was sie ausmacht: ihre Persönlichkeit und ihre Einzigartigkeit. Ich denke, da liegt ein Missverständnis vor. Wer wir wirklich sind, ist nicht in unserer irdischen Identität begründet. So drückt es auch Thomas Keating aus: “Unser wahres Ich könnte man als unsere Teilnahme am göttlichen Leben beschreiben, welche sich in unserer Einzigartigkeit offenbart.” Ich würde sogar sagen: Wir werden mehr zu uns selbst je mehr wir uns Gott anvertrauen (Lukas 17,33).

Gott hat uns nicht alle gleich geschaffen. Er möchte auch keine Gleichschaltung aller Menschen. Vielleicht ist sogar der Sinn unseres Lebens individuell? Viktor E. Frankl, der berühmte Neurologe und Psychologe, hat während des Zweiten Weltkriegs mehrere Jahre in Konzentrationslagern verbracht. In seinem Buch “Trotzdem Ja zum Leben sagen”, erzählt er, wie er selbst inmitten dieses Leids einen Sinn im Leben fand. Dieser Sinn ist an die Einmaligkeit jedes Menschen gebunden:

Was hier not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet! […]
Diese Forderung, und mit ihr der Sinn des Daseins, wechselt von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick. Nie kann also der Sinn menschlichen Lebens allgemein angegeben werden, nie lässt sich die Frage nach diesem Sinn allgemein beantworten.

Viktor E. Frankl, “Trotzdem Ja zum Leben sagen”

Jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeden einzelnen Menschen auszeichnet und jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleiht, kommt also sowohl in bezug auf sein Werk oder eine schöpferische Leistung zur Geltung, als auch in bezug auf einen anderen Menschen und dessen Liebe.

Viktor E. Frankl, “Trotzdem Ja zum Leben sagen”

Das Leben – oder Gott, der dahinter steht – erwartet etwas von uns. Ob wir ein “einfaches” Leben hatten oder nicht, ob es viel Leid gab oder nicht – was wir getan, was wir gelitten haben, das war unser Leben. Was wir geschaffen haben, worüber wir gelacht haben, wen und was wir geliebt haben, das alles gehört dazu. Für Frankl ist selbst Leiden eine Leistung! Unser Leben ist unser einzigartiger Tanz mit Gott. Niemand kann uns dabei ersetzen. Wir wurden persönlich dazu aufgefordert.

Vielleicht lässt sich unser Leben auch vergleichen mit einem Bild, das ein Kind für seine Eltern malt? Das Kind ergreift die Initiative, investiert viel Zeit, es entwickelt Ideen, es nutzt seine Kreativität und ist stolz auf seine Leistung. Und dann schenkt es das Bild seinem Vater, um ihm damit eine Freude zu machen und seine Liebe auszudrücken. Auch wir sollen alles in unserem Leben auskosten, alles geben. Wir malen mit hellen und dunklen Farben, grell und pastell. Wir zeigen Ausdauer. Wenn wir hinfallen, raffen wir uns wieder auf. Obwohl es einige Flecken hat, gefällt uns das Bild vielleicht selbst mit der Zeit sehr gut. Wir haben es lieb gewonnen. Eigentlich hängen wir daran, wir möchten es am liebsten behalten. Dann aber kommt der Zeitpunkt, an dem wir uns erinnern, für wen wir das Bild eigentlich gemalt haben. Wir lassen es los und sagen: Schau mal, Abba, das habe ich für Dich gemacht!

Aber nicht nur, was wir erlebt; auch das, was wir getan, das, was wir Grosses je gedacht, und das, was wir gelitten… all das haben wir hineingerettet in die Wirklichkeit, ein für allemal. Und mag es auch vergangen sein – eben in der Vergangenheit ist es für die Ewigkeit gesichert! Denn Vergangensein ist auch noch eine Art von Sein, ja vielleicht die sicherste.

Viktor E. Frankl, “Trotzdem Ja zum Leben sagen”

Links

Kommentar erfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.