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Die Stille ist Gottes Muttersprache

Vor einigen Jahren hatte ich eine ernste Glaubenskrise. Kritische Gedanken nahmen überhand, alte Überzeugungen wollten nicht mehr greifen, das Bibelstudium reizte nicht mehr und ich konnte meinen Glauben nicht mehr selbstbewusst vertreten. Das Gebet kam mir wie ein schlecht inszeniertes Theater vor. Ich sprach in einem Monolog vor mich hin, ohne eine Antwort zu kriegen. Was wollte ich Gott auch sagen, da er doch “alles schon weiss” (Matthäus 6, 6-8)? Was war überhaupt der Sinn des Gebets? Oft versuchte ich Gott irgendwie zu überzeugen auf eine gewisse Art und Weise zu handeln. Dazu kam, dass ich mir selbst Vorwürfe machte. Meiner Ansicht nach hatte ich den rechten Glauben verloren.

Richard Rohr’s Buch “Pure Präsenz – Sehen lernen wie die Mystiker” fiel mir am Tiefpunkt meiner Krise in die Hände und beeindruckte mich tief. Beim Umlegen der letzten Seite war mir klar, dass dies eines derjenigen Bücher war, die ich immer wieder zur Hand nehmen würde, mit unterschiedlichem Tempo und mit viel Zeit zur inneren Verarbeitung. Mir wurde klar, dass ich schon immer einen starken Kopfglauben gelebt hatte. Es ging stets darum, in jeder Frage eine passende Antwort parat zu haben, Argumente mit der richtigen Bibelstelle zu untermauern und Gott theologisch in der Tasche zu haben. Dualistisches Denken mit schwarz-weissen Antworten zu allen Fragen und auch darüber welche Leute “drin” oder “draussen” waren, prägten mich. Als dann aber die Säulen des eigenen Glaubensgebäudes einstürzten (wie z.B. hier oder hier), war ich an einem heilsamen Nullpunkt angelangt, an dem ich wieder offen war für Gottes Reden. Es war dieser intellektuelle Glaubensweg, der mich in die Sackgasse geführt hatte. Die Verbindung zu Gott als tragendem Fundament war mir abhandengekommen. Gott war nur noch auf dem Papier und in Vorstellungen präsent.

Die Stille ist Gottes Muttersprache. Alles andere ist eine schlechte Übersetzung.

Thomas Keating

Christliche Mystik

Ich begann Bücher über christliche Mystik zu lesen. Die christliche Mystik sucht Gott in der Erfahrung. Mystiker glauben, dass Gott in uns präsent ist und dass wir ihm ganz konkret begegnen können. Dazu müssen wir ruhig werden, uns versenken und uns seinem Willen hingeben. Durch diese Begegnung wird das Herz des Betenden gereinigt und von Gottes Liebe erleuchtet. Das letztliche Ziel der Mystik ist das Einswerden mit Gott.

Die Mystik hat im Christentum eine lange Tradition und geht bis auf die ersten Wüstenväter im 3./4. Jahrhundert zurück. Namen wie Johannes Cassian, Gregor von Nyssa, Meister Eckhart, Hildegard von Bingen, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Ignatius von Loyola oder auch der anonyme Autor der “Wolke des Nichtwissens” prägten die mystische Tradition. Mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Theologie im Zuge der Reformation war die Kirche mystischen Erfahrungen gegenüber skeptisch eingestellt. Deshalb verkümmerte die einst lebendige Tradition und der mystische Königsweg – die Kontemplation – über die letzten Jahrhunderte zusehends.

Heute wird die kontemplative Tradition des Christentums vielerorts wieder neu entdeckt. Thomas Keating hat beispielsweise das “Centering Prayer” in den 1970er Jahren als zeitgemässe christliche Alternative für die zahlreichen Besucher eines nahen buddhistischen Zentrums entwickelt. Etwa zur gleichen Zeit hat im deutschen Sprachraum Peter Dyckhoff das Ruhegebet neu entdeckt. Davon wird weiter unten noch im Detail die Rede sein. Karl Rahner sieht in einer erneuerten Mystik gar die Zukunft des Christentums:

Der Fromme der Zukunft wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein.

Karl Rahner

Kontemplation oder Meditation?

Die Begriffe Kontemplation und Meditation führen immer wieder zu Verwirrung. Im christlichen Kontext ist mit Meditation die aktive Betrachtung eines Themas oder eines Textes gemeint. Man taucht in einen Text ein und achtet darauf, was bei einem anklingt, was einen berührt oder Widerstand auslöst. Mit diesen Eindrücken verweilt man in der Stille und verkostet sie von innen her. Daraus entwickelt sich ein betendes Gespräch mit Gott.

Bei kontemplativem Gebet gibt es kein Thema und keinen Text. Man versucht vollkommen leer zu werden und nicht aktiv Gedanken nachzugehen. Dabei hilft die innere Wiederholung eines kurzen und immer gleichen Gebetswortes, manchmal verbunden mit Körperrhythmen wie Atem oder Herzschlag oder der inneren Achtsamkeit auf Gottes Gegenwart. Man wird in der Gegenwart vollkommen präsent mit dem Ziel, Gott im Grund seiner eigenen Seele zu begegnen.

Für mehr Hintergrundinformationen zu christlicher Kontemplation und eine Abgrenzung zum buddhistischen Zen empfehle ich das Manuskript Wesen und Praxis christlicher Kontemplation der VBG.

Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.

Novalis

Das Ruhegebet

Meine Herangehensweise an die Mystik war, noch ganz nach altem Muster, über den Kopf: Viele Bücher lesen und versuchen zu verstehen. An einem gewissen Punkt wurde mir klar, dass der Weg jetzt nur noch über eigene Erfahrung weitergehen würde. Ich suchte nach einfachen Anweisungen und einer “Methode”, die ich ausprobieren könnte. Dabei stiess ich auf das Ruhegebet.

Wie oben bereits erwähnt, wurde das Ruhegebet (oder der Hesychasmus) von Dr. Peter Dyckhoff in den 1970er Jahren neu entdeckt. Es handelt sich beim Ruhegebet um eine christliche kontemplative Gebetsform, die von den Wüstenvätern des 3./4. Jahrhunderts überliefert wurde. Johannes Cassian schrieb die Praxis in den “Unterredungen mit den Vätern” nieder, was zu einer Verbreitung im christlichen Abendland führte. In der Ostkirche wurde daraus über die Jahrhunderte das Herzensgebet (oder auch Jesusgebet) entwickelt.

Für mich war die Entdeckung des Ruhegebets eine Befreiung. Es war genau die richtige Medizin für mein Leiden. Ohne etwas leisten zu müssen, darf ich einfach vor Gott kommen und “sein”. Nur sein, nichts denken, nichts müssen, einfach sich auf den Schoss des Vaters setzen und auf seine Gegenwart achten. Anfänglich war es für mich sehr ungewohnt, die empfohlenen zweimal 20 Minuten täglich in der Stille und “im Dunkeln” zu sitzen. Doch bald machte ich die Erfahrung, dass in der Stille etwas geschieht. Ich fühle mich wie von einem Kokon umgeben, der die Aussenwelt abschirmt. Mein Körpergefühl verändert sich. Der Körper fühlt sich sehr schwer an. Gleichzeitig beginnt innerlich eine neue Quelle zu sprudeln, sodass sich alles leicht anfühlt. Ein Glücksgefühl und eine grosse Geborgenheit macht sich breit. Das müssen die Strahlen der Liebe Gottes sein, die spürbar werden, wenn er sich uns nähert. Natürlich können wir nicht von uns aus zu ihm kommen. Er ist es der uns zu sich zieht (Johannes 12, 32). Aber wir müssen bereit sein dazu und uns in die Stille begeben. Erst wenn die lauten Stimmen des Alltags und der Gedanken verstummen können wir die seine wahrnehmen.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass sich zwischen den Gebeten auch im Alltag ein neues Grundgefühl einstellte. Immer wenn ich kurz Ruhe hatte und die Augen schloss, konnte ich wieder an den Zustand anknüpfen und zur Ruhe kommen. Für mich ist das Ruhegebet zum neuen Fundament geworden. Ich baue nicht mehr auf ein intellektuelles Bild von Gott, sondern suche seine Gegenwart in mir. Ich habe eine neue Leidenschaft für Gott erhalten! Auch geht es nicht lediglich um etwas mehr Ruhe und Gelassenheit im Alltag, wenngleich dies ein willkommener Nebeneffekt ist. Der Weg verspricht tiefe Reinigung der Seele vom egoistischen Ich und seinem Verhalten. Durch das “Feuer” seiner Liebe reinigt er uns und entflammt uns schliesslich selbst, sodass wir seine Liebe in die Welt ausstrahlen. Gott möchte uns seinem Sohn immer ähnlicher machen, damit er der erste unter vielen Brüdern (und Schwestern) sei (Römer 8, 29). Was im Lichte seiner Gegenwart aufbricht, wird geheilt. Je reiner wir werden, umso näher können wir Gott kommen. Das ist ein Abenteuer, auf das ich mich freue!

Die Seele ist durch die wahrgenommene Gegenwart des Herrn in einen solchen Frieden versetzt, dass für diese Augenblicke uns jegliche Aktivität, besonders das Denken, gar nicht mehr möglich ist. Alle Seelenkräfte sind still, um die vom Schöpfer ausgehende Liebe nicht zu stören.

Peter Dyckhoff

Ganz konkret

Wenn du dich zu dieser Art von Gebet hingezogen fühlst, möchte ich dir Mut machen es zu versuchen! Für mich war es wie das Finden eines verborgenen Schatzes. Ich empfehle als Start ein Buch von Peter Dyckhoff (z.B. “Ruhegebet” von 2015, ISBN 978-3-460-27175-3) oder einen Einführungskurs seiner Stiftung. Die äusserliche Praxis ist zwar einfach und schnell vermittelt. Es braucht jedoch ein gewisses Basiswissen über die inneren Abläufe, mögliche Auswirkungen und Anzeichen für die richtige Praxis. Es ist kein schwieriger aber ein subtiler Weg. Wenn sich Fehlverhalten am Anfang festigt, wird es umso schwieriger später zu korrigieren. Auf der Internetseite zum Ruhegebet findet sich auch ein sechsteiliges TV-Interview mit Peter Dyckhoff, welches einen guten ersten Eindruck des Ruhegebets vermittelt.

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