Blick durchs Hinnomtal hinauf zu den Mauern der Altstadt Jerusalems, 2016
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Über das Hinnomtal

Das Hinnomtal ist ein Park südlich von Jerusalem. Man kann dort spazieren gehen oder ein Picknick machen. Jetzt soll sogar eine Luftseilbahn gebaut werden, welche Touristen über das Hinnomtal hinweg und entlang der alten Stadtmauer schweben lässt. Das Titelbild zeigt einen Blick durchs Hinnomtal hinauf zu den Mauern der Altstadt Jerusalems (Bild von Ralf Roletschek, via Wikimedia Commons).

Doch es war nicht immer so friedlich im Hinnomtal. Das Tal hat eine lange Geschichte und auch Jesus spricht davon. Der hebräische Begriff für Hinnomtal ist “Ge-Hinnom” und wird im Griechischen mit “Gehenna” wiedergegeben. Wenn wir heute eine Bibel aufschlagen, wird Gehenna meist mit “Hölle” übersetzt. Der Begriff taucht an 12 Stellen im neuen Testament auf, 7x im Matthäusevangelium, 3x bei Markus und je einmal bei Lukas und im Jakobusbrief. Welche dunklen Geheimnisse verbirgt dieses Tal? Wie kommt es, dass wir es heute mit der wortwörtlichen Hölle gleichsetzen?

Verschiedene Bedeutungsebenen

Das Hinnomtal wird in den Evangelien nicht genauer erklärt. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass es den Zuhörern damals bekannt war. Aber welche Vorstellungen hatten Jesus, das einfache Volk und die Schriftgelehrten im Kopf, wenn sie vom Hinnomtal sprachen?

Der konkrete Ort

Zur Zeit Jesu war das Hinnomtal sozusagen die Müllkippe Jerusalems: “Die Leichname von Hingerichteten wurden oft auf einem brennenden Abfallhaufen vor Jerusalem geworfen, der als »Tal Hinnom« oder »Gehenna« bekannt war.” [1] Es war also nicht zu vergleichen mit dem malerischen Tal von heute.

Die erste Stelle, an der Jesus vom Hinnomtal spricht, ist in die Bergpredigt eingebettet. Das ist zugleich in den meisten Übersetzungen die erste Stelle in der gesamten Bibel überhaupt, an der das Wort “Hölle” auftaucht:

Ihr wisst, dass zu den Vorfahren gesagt worden ist: ›Du sollst keinen Mord begehen! Wer einen Mord begeht, soll vor Gericht gestellt werden.‹ Ich aber sage euch: Jeder, der auf seinen Bruder zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu seinem Bruder sagt: ›Du Dummkopf‹, der gehört vor den Hohen Rat. Und wer zu ihm sagt: ›Du Idiot‹, der gehört ins Feuer der Hölle [Gehenna].

Mt. 5,21-22

An wen richtete sich die Bergpredigt? Gemäss Mt. 5,1 sprach Jesus zum “Volk”, bzw. zu einer grossen Menschenmenge. Er stieg auf einen Berg und begann sie zu lehren. Es handelte sich bei der Bergpredigt also nicht um einen Fachvortrag vor Schriftgelehrten, wobei diese sicher auch zugegen waren. Bestimmt waren viele einfache Dorfbewohner und auch Kinder unter den Zuhörern. Wenn Jesus im gleichen Atemzug von Gericht, dem Hohen Rat und dem Feuer im Hinnomtal sprach, so war dies auch für die Kinder klar als eine Steigerung der Bestrafung verständlich. Die wirklich schlimmen Verbrecher wurden hingerichtet und danach im Hinnomtal entsorgt. Das kam immer wieder mal vor.

Die Hauptaussage Jesu in diesen Versen, nämlich dass es auf die Haltung des Herzens ankommt und nicht nur auf die ausgeführte Tat, konnte also von jedem Zuhörer mit gesundem Menschenverstand und Ortskenntnissen verstanden werden.

Ort des Gerichts bei den Propheten

Doch die Geschichte des Hinnomtals reicht noch weiter zurück. Im 8. und 7. Jhdt. v. Chr. wurden im Hinnomtal die Götter Baal und Moloch verehrt. Dabei kam es auch zu Kinderopfern (2. Chronik 28,3, 2. Könige 23,10). Durch den Propheten Jeremia wurde Israel das Gericht für diese Greueltaten verkündet: Jeremia 7,28-34 und noch ausführlicher in Jeremia 19. Viele sehen diese Gerichtsprophezeiungen durch Nebukadnezar erfüllt (Jeremia 19-21, Jeremia 52, Hesekiel 12,1-20, 2. Chr. 36,11-21). Das Hinnomtal wurde damit zu einem Tal des Schlachtens und zum Schauplatz göttlichen Gerichts.

Die Prophezeiungen Jesajas weisen darüber hinaus in die Zukunft, auf den “Tag des Herrn” (Jes 30,27-33, Jes 66,23-24). Darin wird ebenfalls Bezug genommen auf die Feuerstätte im Hinnomtal (das Tofet). Das Hinnomtal wird damit zum Schauplatz eines zukünftigen Gerichts im messianischen Reich, auch “Reich Gottes” genannt.

In Markus 9 nimmt Jesus direkt Bezug auf diese Prophezeiung, indem er Jesaja 66,24 zitiert:

Und wenn dein Auge dir Anstoss ⟨zur Sünde⟩ gibt, so wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle [Gehenna] geworfen zu werden, »wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt «.

Markus 9, 47-48

Und sie werden hinausgehen und sich die Leichen der Menschen ansehen, die mit mir gebrochen haben. Denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.

Jesaja 66,24

Die gelehrten Zuhörer Jesu verstanden diese Hinweise. Ihnen war klar, dass Jesus damit auf das Gericht im messianischen Reich anspielte. Interessanterweise fehlt in der Parallelstelle Matthäus 18,9 diese Referenz auf Jesaja. Waren sich die Evangelisten nicht einig was Jesus gemeint hatte?

Für eine detaillierte Auslegung der prophetischen Bedeutung des Hinnomtals möchte ich auf einen Artikel des Kernbeisser-Blogs verweisen [5]. Karsten Risseeuw kommt darin zum Schluss, dass sich unsere heutigen Höllenvorstellungen einer ewigen Strafe im Jenseits nicht durch diese Prophezeiungen begründen lassen:

Die Gehenna ist – wie wir gesehen haben – ein Sinnbild des Gerichts, welches im messianischen Reich ausgeübt wird und ein Ort gleich ausserhalb von Jerusalem. Es lässt sich von Jerusalem nicht loslösen. In verschiedenen Hinweisen hatten die Propheten von der Aufrichtung des messianischen Reiches und der Rolle von Jerusalem gesprochen. Dort hinein passt die Rede von der Gehenna, wie Jesus darüber sprach.

Mit einer ewigen Hölle im Jenseits hat das alles nichts zu tun.

Ist die Gehenna die Hölle? [5]

Paulus kennt übrigens einen Horizont, der noch weiter in die Zukunft reicht als das messianische Reich. In 1. Korinther 15,20-28 spricht er davon, dass auch die Herrschaft Christi zu Ende geht, wenn “Gott ihm alle seine Feinde unter die Füsse gelegt hat”. Auch dem Tod, dem letzten Feind, wird dabei ein Ende bereitet. Dann endlich wird Gott sein Ziel erreicht haben (Vers 28): “Wenn dann alles unter die Herrschaft von Christus gestellt ist, wird er selbst, der Sohn, sich dem unterstellen, der ihn zum Herrn über alles gemacht hat. Und dann ist Gott alles in allen.”

Verallgemeinertes Gericht bei den Apokalyptikern

Im Alten Orient gab es durchaus Schilderungen einer strafenden und quälenden Totenwelt. Die alttestamentliche Totenwelt (Scheol) hebt sich davon ab, weil sie bemerkenswerterweise frei von solchen Vorstellungen ist. Schwere Zeiten des Umbruchs und politischer Katastrophen führten allerdings dazu, dass über die Jahrhunderte vermehrt apokalyptische Gedanken ihren Niederschlag in jüdischen Schriften fanden. Dies betraf nicht die Schriften des AT, sondern nicht-offizielle apokryphe Schriften wie das Henochbuch oder das 4. Esrabuch.

Die Apokalyptiker kompensieren ihr Leiden an dem Leid dieser Welt durch phantastische Ausmalungen des Jenseits, der Herrschaft der Seligen und der Qualen der Gottlosen.

E. Hennecke, W Schneemelcher. Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. Zitiert in [4].

Das Henochbuch entstand zwischen dem 3. und 1. Jhdt v. Chr. Im Henochbuch wird das Hinnomtal zwar nicht wörtlich genannt, es ist aber eindeutig gemeint [3]. Der Verfasser gibt an, mehrere Reisen ins Jenseits und in die Zukunft unternommen zu haben. Er berichtet davon, was er gesehen hat, um die Menschen vor Versuchungen zu bewahren. Es tauchen erstmals Schilderungen einzelner Folterszenen auf, die von einem Heer von Strafengeln vollzogen werden. Auch ist von verschiedenen Räumen die Rede. Diese Strafen richten sich aber noch ausschliesslich an die herrschende Oberschicht: “Es sind die Mächtigen, die solchermassen gerichtet werden, die falschen Führer des Volkes, versagende Könige und tyrannische Machthaber. Einfache Normalbürger werden nicht erwähnt.” [4]. Das Henochbuch hat das Neue Testament klar beeinflusst. Es war unter frühchristlichen Apologeten bekannt. Tertullian forderte sogar, dass es in den biblischen Kanon aufgenommen werden solle [2, S. 68].

Im 4. Esrabuch, welches ca. 100 n. Chr. entstand, wird der Gerichtsbegriff weiter verallgemeinert. Das Gericht trifft nun alle Menschen. Es findet nach der leiblichen Auferstehung statt. Gott sitzt auf dem Richterthron und schickt die Bösen ins Hinnomtal (Gehenna), welches hier wieder wörtlich genannt wird. Der geographische Kontext des Hinnomtals ist jetzt verschwunden. Es wird nur noch als Symbol für den Ort des Gerichts verwendet [3].

Die Hölle im Christentum

Der beschrittene Weg, das Gericht immer stärker zu verallgemeinern und seine Strafen auszumalen, wurde im frühen Christentum weiter verfolgt. Wieder waren schwierige Umstände Anlass dazu, das Heil, und damit auch die Strafe für Ungerechtigkeit, ins Jenseits zu verlagern. Ein gerechtes Reich hier auf Erden schien ausser Reichweite gekommen zu sein. Zudem erwarteten die Christen ein baldiges Ende mit der Wiederkunft Jesu:

Wie immer der apokalyptische Anteil am Gedankengut Jesu von Nazaret gewesen sein mag, der eigentliche und nähere Anlass für ein breites Einströmen apokalyptischen Wort- und Bildmaterials in das frühe Christentum war die baldige Erwartung des (Wieder-)Kommens Christi nach dem gewaltsamen Ende Jesu.

Herbert Vorgrimler, Geschichte der Hölle [2, S.78]

Nun, diese Naherwartung hat sich nicht erfüllt. Die in Gang gesetzte Dynamik konnte aber nicht mehr aufgehalten werden. Die militärischen Katastrophen der Jahre 70 (Tempelzerstörung) und 135 (Zerstörung Jerusalems durch Titus) trugen das ihrige dazu bei. In diese Zeit fällt z.B. die Verfassung der Petrusapokalypse, welche für die christlichen Höllenvorstellungen prägend wurde. Der Text enthält eine kurze Schilderung des Paradieses und eine lange Beschreibung der Hölle. Es werden ganz konkret diverse Strafen beschrieben, welche die Sünder treffen werden. Je nach Vergehen variiert die Strafe. Im 3. Jhdt. gesellte sich dann noch die Paulusapokalypse hinzu und bestärkte dieses Höllenbild. Die Petrusapokalypse wurde im Jahr 397 endgültig aus dem Kreis der kanonischen Schriften ausgeschlossen. Dennoch blieb die Höllenlehre im Christentum haften.

Die Höllenschilderung ist theologiegeschichtlich von höchster Bedeutung. Die Bilder von den endzeitlichen Qualen, wie sie in diesem Text enthalten sind, haben die Christen gleichsam internalisiert und sie prägten die christlichen Höllenvorstellungen bis in die Neuzeit.

Katharina Ceming und Jürgen Werlitz, “Die verbotenen Evangelien” , über die Petrusapokalypse, S. 186

Mit Augustinus (354-430) wurde eine harte Höllenlehre offiziell in der Kirche verankert. Alternative Sichtweisen, wie z.B. diejenige des Origenes, wurden verboten. Über viele Jahrhunderte wurde die Hölle mit angsterfüllten Visionen “weiterentwickelt”: “Die ‘Jensseitstexte’ der Schrift genügen nicht, daher wird auf das Arsenal ausserbiblischer Visionen zurückgegriffen.” [2, S.284] Die Drohung einer Hölle galt als unverzichtbares Druckmittel. Wie sollte man sonst Menschen zu moralischem Verhalten bewegen? Selbst wenn man an die Allversöhnung glauben würde, dürfte man das nicht zu laut sagen: “Wer an die Allversöhnung nicht glaubt, ist ein Ochs; wer sie aber lehrt, ist ein Esel.” (Christian Gottlob Barth).

Nicht selten schwang auch eine gehörige Portion Sadismus mit. Man freute sich regelrecht darauf zuzuschauen, wenn eines Tages die Gottlosen ihre “gerechte” Strafe erhalten würden. Dante Aligheri verschaffte der Hölle um 1300 in seiner “Göttlichen Komödie”, die gängige theologische Vorstellungen aufnahm, sogar einen Platz in der Weltliteratur. Alle Details dieser traurigen Entwicklung lassen sich bei Herbert Vorgrimler [2] nachlesen. Eine gute Zusammenfassung bietet Tilman Schröders Vortrag “Eine kleine Geschichte der Hölle” [4].

Diese Höllenvorstellungen, die sich über viele Jahrhunderte in der Kirche ansammelten, haben nicht mehr viel mit dem Hinnomtal zu tun. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir heute das überladene Wort “Hölle” in der Bibel lesen. Damit tragen wir sehr viele ausserbiblische Vorstellungen direkt in die Bibel hinein.

Die Verwendung in den Evangelien

Wir haben gesehen, welche unterschiedlichen Bedeutungen das Hinnomtal tragen kann. Entscheidend ist nun aber, wie Jesus vom Hinnomtal sprach.

Was dachte Jesus?

Wir wissen nicht genau, welche Vorstellungen Jesus selbst im Kopf hatte, als er vom Hinnomtal sprach. Natürlich kannte er Jeremia und Jesaja. Ob die Verknüpfung mit Jesaja in Markus 9,48 aber von Jesus direkt oder von Markus stammt, ist bereits nicht mehr so klar. Jesus kannte wohl das Henochbuch, nicht aber das 4. Esrabuch, weil es erst später entstand. Teilte Jesus die Meinung jener, die Henochs Visionen als authentische Informationen über das Jenseits anerkannten? Alles was danach kam, die Petrus- und Paulusapokalypse, sowie die mittelalterlichen Visionen, waren natürlich für Jesus gänzlich unbekannt.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Menschen in Palästina zur Zeit Jesu an Strafen im Jenseits glaubten. Wie diese Vorstellungen genau aussahen, ist allerdings weniger klar: “There is no one belief-system concerning after-life and retribution in rabbinic literature, but rather a range of beliefs.” [3]. Auch die Evangelisten hatten unterschiedliche Jenseitsvorstellungen. Matthäus ist näher beim jüdischen Verständnis (Mt. 10,28) während Lukas hellenistisch beeinflusst war und dualistischer dachte (Lukas 12,5):

In Matthew, Gehenna is the place of retribution for the reunited body and soul; the soul by itself has no real existence and does not receive retribution. Luke, on the other hand, knows of an immediately post-mortem hell; in his much more dualistic anhropology the soul is the proper recipient of punishment.

Chaim Milikowsky, Which Gehenna? [3]

Hyperbeln

Keine Angst, es geht jetzt nicht um Mathe. Im literarischen Sinn ist eine Hyperbel ein rhetorisches Stilmittel. Sie meint eine extreme Übertreibung, die im wörtlichen Sinne unglaubwürdig oder gar unmöglich ist. Einige Beispiele dafür:

  • Ich habe dich zum Fressen gern.
  • Dieser Kellner ist blitzschnell.
  • Ich bin so müde, ich könnte tot umfallen.
  • Ich habe so einen Hunger, ich könnte einen Elefanten verspeisen.
  • Hier gibt es Beispiele wie Sand am Meer.

Der Gebrauch von Hyperbeln war im antiken Orient weit verbreitet. Darum kommen sie auch oft in der Bibel vor:

The whole Bible is Oriental. Every line breathes the spirit of East, with its hyperboles and metaphors, and what to us seem utter exaggerations. If such language be taken literally, its whole meaning is lost. When the sacred writers want to describe the dusky redness of a lunar eclipse, they sat the moon is ‘turned into blood’.

Thomas Allin, “Christ Triumphant”

Einige Beispiele für Hyperbeln aus der Bibel:

  • Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? (Mt. 7,3)
  • Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Rom. 12, 20)
  • Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! (Mt. 23,24)

Wenn man solche Stellen wörtlich versteht, versteht man sie falsch. Es ging dem Autor darum, mit einem extremen Vergleich auf etwas ganz bestimmtes hinzuweisen. Lesen wir nun zwei Stellen, in denen die Gehenna vorkommt:

Wenn du durch dein rechtes Auge zu Fall kommst, dann reiss es aus und wirf es weg! Es ist besser, du verlierst eines deiner Glieder, als dass du mit unversehrtem Körper in die Hölle [Gehenna] geworfen wirst. Und wenn du durch deine rechte Hand zu Fall kommst, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser, du verlierst eines deiner Glieder, als dass du mit unversehrtem Körper in die Hölle [Gehenna] kommst.

Matth. 5,29-30

Die Hälfte aller Gehenna-Stellen im NT (6 von 12) sind eine Variante von Mt 5,29. Auge ausreissen, Hand abhacken, Fuss abhauen: Sollten wir das wirklich wörtlich verstehen? Nein. Es ist eine Übertreibung, eben eine Hyperbel. Wie der Balken in unserem Auge oder die glühenden Kohlen auf dem Haupt unserer Feinde. Den zweiten Teil aber, der die Übertreibung mit dem Schreckensbild des Hinnomtals sogar noch zuspitzt, sollen wir plötzlich wörtlich verstehen und daraus ein Dogma ableiten? Das passt überhaupt nicht zusammen.

I maintain that no doctrine of endless pain can be based on Eastern imagery, on metaphors mistranslated very often, and always misinterpreted.

William Barclay, The Gospel of Luke

Was wollte Jesus eigentlich sagen?

Als Jesus vom Hinnomtal sprach, entfaltete er keine neue Lehre von jenseitigen Strafen. Er gebrauchte aber diesbezüglich vorhandene Bilder in seinen Reden [4]. Was waren dann aber seine beabsichtigten Aussagen? Wenden wir uns nochmals Mt. 5, 21-22 zu, wo das Wort “Hölle” zum ersten Mal in der Bibel auftaucht. Einen Vers vorher (in Mt, 5.20) sagt Jesus um was es eigentlich geht:

Denn ich sage euch: Wenn euer Leben der Gerechtigkeit Gottes nicht besser entspricht als das der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr mit Sicherheit nicht ins Himmelreich kommen. Ihr wisst, dass zu den Vorfahren gesagt worden ist: ›Du sollst keinen Mord begehen! Wer einen Mord begeht, soll vor Gericht gestellt werden.‹ Ich aber sage euch: Jeder, der auf seinen Bruder zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu seinem Bruder sagt: ›Du Dummkopf‹, der gehört vor den Hohen Rat. Und wer zu ihm sagt: ›Du Idiot‹, der gehört ins Feuer der Hölle [Gehenna].

Mt, 5.20-22

Jesus spricht in der Bergpredigt vom Reich Gottes und welche Massstäbe dort gelten. In Vers 20 macht er klar, dass das Verständnis von Gerechtigkeit, das die Schriftgelehrten haben, nicht ausreicht. Um zu erklären, was er damit meint, folgt nun ein Beispiel. In diesem Beispiel werden über drei Stufen ein Vergehen und die entsprechende Strafe immer krasser zugespitzt. Das Vergehen wird vermeintlich immer geringer (Mord, Zorn, Beschimpfung) und die Bestrafung immer grösser (Gericht, Hoher Rat, Hinnomtal). Jesus nutzt hier das Stilmittel einer Hyperbel, einer extremen Übertreibung, um seine Hauptaussage klar zu machen: Es geht nicht um eine Gerechtigkeit nach den äusseren Werken (“Du sollst nicht töten”), sondern um eine Gerechtigkeit des Herzens. Aus dem Herz entspringen die Gedanken und die Taten (Sprüche 4,23). Jesus möchte das Böse also an der Wurzel anpacken. Der sichtbare Mord ist bloss die Frucht des bösen Baumes, der verborgen in unserem Herzen wurzelt.

Wenn wir weiterlesen, folgt nochmals eine Drohung mit Gericht:

Wenn du also deine Gabe zum Altar bringst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder! Danach komm und bring ‘Gott’ deine Gabe dar. Wenn du jemand eine Schuld zu bezahlen hast, dann einige dich mit ihm, solange du noch mit ihm auf dem Weg ‘zum Gericht’ bist. Tu es schnell, sonst übergibt er dich dem Richter, und dieser übergibt dich dem Gerichtsdiener, und du wirst ins Gefängnis geworfen. Ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bevor du alles bis auf den letzten Heller bezahlt hast.

Mt, 5, 23-26

Wieder geht es darum, dass die Dinge des Herzens, hier Unversöhntheit, Vorrang haben vor der äusserlichen Gerechtigkeit. Das Gericht, der Richter und das Gefängnis spielen die gleiche Rolle, wie die zugespitzte Strafe, ins Hinnomtal geworfen zu werden. Der Verurteilte wird nicht aus dem Gefängnis herauskommen, “bevor er alles bis auf den letzten Heller bezahlt hat”. Das ist wohlgemerkt keine ewige Strafe. Sie hat ein klares Ende.

Welchen Zweck hat bei Jesus hier also die Rede vom Hinnomtal? Er ruft das Volk zur Umkehr, weil das Reich Gottes nahe gekommen ist (Mt. 4,17). Er gebraucht das Hinnomtal als Mittel der Zuspitzung in seinen Erklärungen und als Warnung dafür, das Reich Gottes nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Im messianischen Reich wird es durchaus ein Gericht geben. All die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Vergewaltigten und Ermordeten werden Gehör erhalten. Indem Jesus das Hinnomtal als bestehendes Bild unkorrigiert gebraucht, bestätigt er damalige Vorstellungen davon. Jesus stellt allerdings keine neue Lehre einer zukünftigen ewigen Strafhölle im Jenseits auf.

Die Warnungen Jesu bewegten sich im Rahmen jüdischer Gerichtsvorstellungen, nach denen die uneinsichtig Bösen aus der Mitte der Gerechten entfernt werden würden bzw. müssten. Aus dem damit verbundenen, im ganzen durchaus zurückhaltend eingesetzten Bildmaterial wurden gegen die Aussageabsicht bei Jesus Zukunftsaussagen gemacht.

Herbert Vorgrimmler [2, S.20]

Entscheidend ist hingegen immer die individuelle Entscheidung des Menschen gegenüber Gottes erlösendem Handeln. […] Die Rede von der Hölle dient dabei nur als Motivationshilfe, als pädagogisches Element, sich über die Konsequenzen dieser Entscheidung klar zu werden.

Tilman Schröder [4]

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die moderne Theologie entscheidet sich bewusst dafür, den Streit zwischen Origenes und Augustinus nicht zu entscheiden. Nur Gott könne hier Schiedsrichter sein. Diese Aussage von Wilfried Joest kann stellvertretend für die Sicht vieler Theologen im 20. Jhdt. stehen (z.B. Karl Barth, Karl Rahner, H.U. von Balthasar):

Eine dogmatische Behauptung über das Endgeschick aller Menschen ist uns verwehrt. Aber im Aufblick zu dem Gott, der sich in Jesus Christus als die Macht der alle Feindschaft überwindenden Liebe Gottes offenbart hat, im Vertrauen auf die Übermacht seines Erbarmens ist es uns erlaubt, für alle zu hoffen und zu beten – für alle Menschen, für die ganze Welt.

Wilfried Joest, Dogmatik, Bd. 2: Der Weg Gottes mit dem Menschen

Zusammenfassend könnte man mit H.U. von Balthasar sagen: “Gewissheit lässt sich nicht gewinnen aber Hoffnung lässt sich begründen.”

Statt das Hinnomtal korrekter zu übersetzen, scheint man sich dafür entschieden zu haben weiterhin das Wort “Hölle” zu verwenden, dieses aber vom Ballast der jahrhundertelangen Überfrachtung zu befreien. Sogar die Nachfolgerin der katholischen Inquisitionsbehörde, die römische Glaubenskongregation, rät dazu mit “Jenseitsphantasien” zurückzuhalten: “Übertreibungen in dieser Hinsicht sind nämlich ein nicht geringer Grund für die Schwierigkeiten, denen der christliche Glaube häufig begegnet.” (Über einige Fragen der Eschatologie, 1979). Bilder eines zornigen Gottes können abstossend wirken und damit genau das Gegenteil der beabsichtigten Rettung bewirken.

Eine hermeneutische Reflexion der Hölle fällt biblizistisch denkenden Strömungen besonders schwer, weil jeder Satz in der Bibel gleich viel wiegt. Man kann die Bibel aufschlagen und findet Stellen, in denen Jesus von der Hölle spricht. Also muss sie real sein, und zwar so wie wir sie uns heute vorstellen. Die Gehenna-Verse stehen dann allerdings im Widerspruch zu anderen Stellen, die auf eine universale Versöhnungsabsicht Gottes hindeuten. Diese Stellen sollten genauso ernst genommen werden!

Wie gehen wir beim Bibellesen mit diesen Widersprüchen um? Hier ist das eigene Gottesbild entscheidend. Wird Gottes Liebe oder sein Zorn das letzte Wort haben? Wie hat Jesus über Gott gesprochen? Wird Gott sein Ziel erreichen (1. Tim. 2,4)?

Referenzen

[1] William McDonald, Kommentar zum Neuen Testament
[2] Herbert Vorgrimler, Geschichte der Hölle
[3] Chaim Milikowsky, Which Gehenna?
[4] Tilman Schröder, Eine kleine Geschichte der Hölle
[5] Kernbeisser Blog, Ist die Gehenna die Hölle? (Zum Beitrag gibt es auch zwei Videos: Teil 1 und Teil 2)

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